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Proof of Art. Eine Kurze Geschichte der NFTs: Wenn die KI halluziniert

Seit dem Ausbruch des Hypes um die in der Blockchain-Technologie zertifizierten digitalen Werke zu Beginn dieses Jahres, ist die Kunstwelt gespalten. Von der Revolution bis zum Untergang der Kunstwelt sind alle Meinungen zu den kurz NFTs[i] genannten meist recht illustrativen Bildern und kurzen Videos vertreten.  Jetzt entdeckt mit dem Francisco Carolinum erstmals sogar ein Museum die pixelige Kunstform und nimmt diese neuen digitalen Bilder in seine Sammlung auf und zeigt einen Überblick zu dem neuen Kunstphänomen. „Aus kunsthistorischer Sicht gibt es hier durchaus eine homogene Entwicklung von der Vergangenheit der digitalen Kunst bis in die Gegenwart. Daher ist es auch legitim und Teil unseres Vermittlungsauftrags, so eine Ausstellung im Museum zu zeigen“, begründet Direktor Alfred Weidinger die von Jesse Damiani, mit Fabian Müller und Markus Reindl in nur sechs Wochen zusammengestellte Schau.

In vier Räumen und im Metaverse verhandelt die Ausstellung Geschichte und Gegenwart digitaler Kunstproduktion. Die inhaltliche Klammer bildet im ersten, Known Origins betitelten Raum ein klassisches Werk der frühen „Computerkunst“. Bereits 1967 entwickelte Herbert W. Franke gemeinsam mit dem Programmierer Georg Färber einen Algorithmus, der sich überlappende, verbundene Vierecke zeichnete. Heute existiert dieses Kunstwerk auch als NFT – in welchem der ursprüngliche Code der es ermöglicht, weitere errechnete Ausdrucke zu produzieren, implementiert ist. Damit schlägt das Werk die Brücke zu den modernen Animationsprogrammen die mittels KI jene fantastischen Bilderwelten errechnen, mit denen auch Beeple einen großen Teil seiner „First 5000 Days“ bestückt hat. Wie früh die Medienkunst unsere von Bildschirmen, Selbstvermarktung und -optimierung geprägte Gegenwart vorhergesehen hat, zeigen in diesem Raum Jam June Paik mit „Canopus“ (1990) und Lynn Hershman Leeson mit ihrem 1978 aufgenommenen Video „A Commercial for Myself“.

Die Konsumwut thematisierte 2014 auch die Mediengruppe Bitnik mit ihrem „Random Darknet Shopper“, einem Computerprogramm das mit einem Bitcoin-Ankaufsbudget im Gegenwert von 100 US-Dollar wöchentlich auf Shoppingtour geschickt wurde. Im Rahmen einer Ausstellung in der Kunsthalle St. Gallen wurde dann auch ein Päckchen mit 10 Ecstasy-Tabletten in den Ausstellungsraum geliefert, was die Schweizer Staatsanwaltschaft auf den Plan rief. Die Pillen wurden aber vernichtet und eine drohende Anklage gegen den Shopping-Bot und die Künstlergruppe fallengelassen. Im selben Raum, der mit „Decentralization and Tokenization“ betitelt ist, thematisiert Simon Denny die Problematik, dass Bitcoin, der aktuelle Liebling der Finanzinvestoren, Teil von weitreichenden Geldwäsche- und Terrornetzwerken ist.  Die schon mehrfach in unterschiedlichen Settings realisierte Installation „Blockchain Future States“ begegnet uns im Fancisco Carolinum in der Version der Berlin Biennale aus dem Jahr 2016. Dass an der Wand hinter Dennys Installation drei der 2017 von Larvalabs kreierten 10.000 „Cryptopunks“ hervorlugen, betont den spekulativen Charakter weiter Bereiche der Kryptokunst. Das bisherige gesamte Handelsvolumen dieser Pixels und Bites beträgt aktuell übrigens rund 363 Millionen Euro.

Die Verknüpfung von Kunst und Blockchain ist keineswegs begrenzt auf die bekannten Kryptowährungen Bitcoin, Ethereum oder die neueren und umweltfreundlicheren Tezos. Sarah Meyohas hat bereits 2015 ihre eigene Kryptowährung Bitchcoin entwickelt. Jede Coin entspricht der Fläche von 12,7 x 12,7 cm (5x5 Inch) einer Foto-Edition von Sarah Meyohas. 25 Coins oder umgerechnet 2.500 USD benötigt man, um einen gesamten Print zu erwerben und auch physisch zu besitzen. Man kann sich aber auf weniger Coins und damit auf eine reine Investoren-Strategie beschränken. Die Strategie des geteilten Besitzes als Investment-Vehikel ist im Kunstmarkt nichts Neues. Teure Spitzenwerke werden oftmals vom Kunsthandel gemeinschaftlich an- und verkauft, wenn der Erwerb die Finanzkraft eines Unternehmens übersteigt. Aktuell ist das auch die Idee einiger Krypto-Start-Ups, die das Investment z.B. in ein Werk von Picasso via Blockchain wie eine Aktie handelbar machen wollen, ohne dass das Kunstwerk in seiner Gesamtheit verkauft oder auch nur aus dem Sammler-Wohnzimmer bzw. dem Zollfreilager bewegt werden muss. Künstler Jonas Lund geht da weiter und knüpft seine künstlerische Existenz an die Blockchain. Mit dem Erwerb eines physischen Kunstwerks erhält man auch eine bestimmte Menge an „Jonas Lund Token“ auf einer Blockchain, je nach Anzahl der Token hat man dann Einfluss auf Entscheidungen die Lund im realen Leben zu treffen hat, etwa die Organisation einer Ausstellung in einer Galerie oder einem Museum.

Während die Blockchain-Technologie eigentlich eine Dezentralisierung und neue Formen des Kunstbesitzes unterstützt, lässt sich in den jüngsten Entwicklungen rund um die neuen Kryptokunst-Plattformen wie SuperRare, Nifty Gateway oder Foundation eine Rezentralisierung beobachten, diese ist Thema im dritten Raum der Ausstellung. Kunst die nicht auf diesen Plattformen veröffentlicht wird, hat es wesentlich schwerer am neuen Markt zu reüssieren. Demgegenüber erprobt z.B. das Projekt terra0 alternative Besitzstrukturen indem es versucht, einem Stück Wald die Entscheidung über seine eigene Verwertung (das Fällen von Bäumen) oder die Wiederaufforstung zu übertragen.

Alles um den Hype der Krypto-Kunst-Sammelobjekte erfährt man im vierten Raum. Bildschirme flimmern, eine große Projektion von Refik Anadol könnte eine zeitgenössische Interpretation der Planetenoberfläche in Andrei Tarkovskys Solaris darstellen. Tatsächlich handelt es sich um die Oberfläche des Mars nachdem 1,5 Millionen Fotos der Marsoberfläche von Algorithmen verarbeitet und nun vom Computer zu neuen Welten imaginiert werden. Ein im NFT-Umfeld eher seltenes klares politisches Statement gibt Nancy Baker Cahill mit „Contract Killers“ ab, die eigentlich ein Augmented-Reality Projekt sind. Auf Cryptovoxels, dem digitalen Outpost des Museums, im Metaverse findet sich vieles, das bereits NFT-Geschichte geschrieben hat: Grimes, die einige Millionen Dollar mit ihren animierten Illustrationen verdient hat, Kenny Schachter mit seinem neuesten Video, das ein bisschen Ironie in das verbissen geführte NFT-Business bringt.

Die Ausstellung, Proof Of Art, spekuliert nicht mit der Aufregung des Kunstmarkts um das Phänomen NFT. Gerade der Exkurs in die digitale Kunst der letzten 50(!) Jahre verleiht dem Unterfangen die nötige Ruhe, die man vom musealen Umfeld erwarten kann.

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[i] Mehr zu NFTs (Non Fungible Tokens) und Ausstellungen unter folgenden Links
Is it the end of the artworld as we know it? https://www.artmagazine.cc/content114801.html
Interview mit Kenny Schachter über NFTs https://www.artmagazine.cc/content115354.html
NFTs jenseits des Hypes https://www.artmagazine.cc/content115656.html
Zu Jonas Lund https://www.artmagazine.cc/content111241.html

 

Mehr Texte von Werner Remm

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Proof of Art. Eine Kurze Geschichte der NFTs
10.06 - 12.10.2021

FC - Francisco Carolinum
4010 Linz, Museumstraße 14
Tel: +43 732 7720 522 00
Email: info@ooelkg.at
https://www.ooekultur.at
Öffnungszeiten: Di-So, Fei 10-18 h


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