Werbung
,

Aus der Perspektive des posthumanen Zeitalters

Schade, dass diese Documenta ihre Halbzeit bereits überschritten hat. Fast sentimental macht der Gedanke, dass eine derart spannende Ausstellung auch wieder abgebaut wird. Was die Besucherzahlen betrifft, dürften diese die Quote der letzten Weltkunstausstellung souverän übertreffen. Bereits zur Halbzeit waren es 378 000, die nach Kassel gereist sind. Auf der Documenta 12 waren es insgesamt 751 000 bis zum letzten Tag. Selten jedenfalls gelingt Ausstellungen eine derart interessante Verschneidung künstlerischer, sozialer und wissenschaftlicher Fragestellungen, wobei sich die Leiterin der dOCUMENTA (13) Carolyn Christov–Bakargiev durchaus dazu bekennt, Themenfelder zu öffnen, ohne die zahlreichen zumeist eigens für diese Documenta konzipierten Werke vorformulierten Thesen unterzuordnen. Einen breit gefächerten Schwerpunkt bilden dabei ökologisch konnotierte Aspekte in der Kunst der Gegenwart. Dass sich dieses Thema der gesellschaftlichen und ökonomischen Beziehungen zu der gemeinhin als „Natur“ bezeichneten kolonisierten und ausgebeuteten Umwelt tendenziell als Agglomeration verwandter Motive manifestiert, deren Gemeinsamkeiten sich erst so nach und nach erschließen, macht diese Ausstellung zu einer Entdeckungsreise, die immer wieder neue Lesarten ermöglicht. Mit enormem Fingerspitzengefühl umgeht Carolyn Christov-Bakargiev die Falle rigiden Moralisierens. Zugleich lässt sie keinen Zweifel daran, dass ihr Blick durchgehend politisch kritisch bleibt. Als irritierendes Moment aber kommt hinzu, dass sie mit ihrer vom Cyborg-Feminismus Donna Haraways inspirierten posthumanen Sicht davon abrückt, die menschliche Spezies als Nabel des Universums zu sehen. Das ist auch einer der Gründe, warum sie von einer nicht von Menschenhand gemachten Schönheit spricht. Deshalb etwa wollte sie die beiden Teile des argentinischen Kometen El Chaco als Projekt der Künstler Guillermo Faivovich & Nicolas Goldberg nach Kassel bringen, was wegen der Proteste einiger Repräsentanten der lokalen Ureinwohner in Verbindung mit Erbrechten doch nicht realisiert werden konnte. Stattdessen transferierte Anton Zeilinger, als Mitglied des Beraterstabs der Documenta am 13. Juli ein Fragment eines Meteoriten aus dem Campo del Cielo-Meteoritenfeldes nach Kassel. Es gehört seit 2004 dem Naturhistorischen Museum in Wien, das im übrigen eine der größten Meteoritensammlungen der Welt besitzt. Wäre der Meteorit El Chaco tatsächlich nach Kassel gekommen, hätte er vielleicht an den Monolithen in Stanley Kubricks „2001: Odysee im Weltall“ erinnert und wäre ein anachronistischer Antipode zur Existenz im digitalisierten und entmaterialisierten Zeitalter gewesen. Denn – und dies ist eine von der Kulturwissenschaftlerin Jill Bennett im Rahmen der Documenta-Publikationen lancierte These – längst sind wir im „Anthropozän“ angekommen; in einem Zeitalter, das vor allem ökologisch durch die Auswirkungen menschlichen Handelns bestimmt ist. Den Begriff prägte der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen. Der Schmetterlingsgarten von Kristina Buch ist also keine Sentimentalität. Und – selbst wenn die Idee ein wenig skurril wirken mag – auch der Hundespielplatz, den Brian Jungen im Rahmen der Freiluftprojekte in der Karlsaue eingerichtet hat, erinnert an andere Sichtweisen, die eben nicht unserer tagtäglichen Wahrnehmung der Welt entsprechen. Zu eindeutigeren Aussagen rang sich die amerikanische Künstlerin Claire Pentecost durch, wenn sie als Alternative zum mächtigen Petro-Dollar im Ottoneum, wo sie gepresste Kompostziegel in der Form von Goldbarren ausstellt. Im Rahmen ihres Projekts „Soil-erg“ schlägt sie darüber hinaus vor, Saatgut als ein „quelloffenes“ Wissenssystem der Erde zu sehen. Hier im Naturkundemuseum von Kassel ist auch ein beeindruckender Film des Inders Amar Kanwar im Breitwandformat zu sehen. „The Sovereign Forest“ widmet sich der Landschaft im Staat Orissa (nun umbenannt in Odisha). Das Gebiet im Osten Indiens ist Zentrum von Auseinandersetzungen um das Ackerland, die Wälder und die Flüsse. Diese sind zumeist ökonomisch motiviert, was in der Vergangenheit zu zahlreichen Umsiedlungsmaßnahmen, begleitet von Korruption und kommerzieller Ausbeutung der Ressourcen, führte. Der in New York und Pennsylvania lebende Mark Dion wiederum setzte sich als von außen kommender Fremder mit den Schätzen des Ottoneum selbst auseinander. Dazu zählt eine einzigartige Holzbibliothek aus Baumstücken mit Rinde, in der auch entsprechende Zweige und Blätter aufbewahrt werden. Für diese einzigartige Sammlung, die 441 Baum- und Straucharten enthält, entwickelte Dion eine neue Präsentationsarchitektur und fügte zugleich neue Schaustücke aus Kontinenten hinzu, welche in der historischen Sammlung nicht vertreten sind. Wie auch diese Documenta generell, fordern besonders solche Situationen zur Verlangsamung auf, zum Innehalten, zum Reflektieren von Kreisläufen, die nur allzu leicht aus dem Blickfeld geraten. Denn nur ein paar hundert Meter weiter – in der Orangerie – zeigt eine Drei-Kanal-Video Installation von Mika Taanila, in welche Richtung die technokratischen Kräfte auf dieser Erde das Rad weiter drehen. Taanilas Film „The Most Electrified Town in Finland“ dokumentiert den Bau des Atomkraftwerks Okilotu 3 in der südwestfinnischen Kleinstadt Eurajoki. Es ist das erste derartige Großprojekt nach der Katastrophe von Tschernobyl. Wegen Planungsfehlern konnte es den für 2009 vorgesehenen Betrieb nicht aufnehmen. Besonders nach der Katastrophe von Fukushima im vergangenen Jahr wirken die Bauarbeiten in Finnland mehr als gespenstisch. Wo von Natur die Rede ist, rufen genau solche knallharten Kontraste visuell eindringlich Erinnerung, wie sehr deren Zustand unentwegt von ökonomischen Interessen transformiert wird. Ob dem mit moralisierenden Botschaften begegnet werden könnte, sei dahin gestellt. In einer faszinierenden Vielfalt visueller Übersetzungen bietet die Documenta 13 eher die Einladung zu einer emphatischen Auseinandersetzung verbunden mit radikaler Kritik. -- dOCUMENTA (13) 9/6 - 16/9 2012 http://d13.documenta.de

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
is it ok to be contributing with critics ?
Thierry Geoffroy/ Colonel | 14.08.2012 10:55 | antworten
thank you for great inspiration let us know if you want to develop this part http://www.emergencyrooms.org/documenta_kassel.html
Thierry Geoffroy/ Colonel | 23.10.2012 10:07 | antworten
"THE NEXT DOCUMENTA SHOULD BE CURATED BY A TANK " http://www.globalartmuseum.de/site/guest_author/325

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2021 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: