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Übermächtige Nachbarn: Museumsumbauten in New York und Wien

Dies ist hundertste Kolumne aus der Serie »Causeries du lundi«. Wir versuchen jenen Faktoren im Kulturgeschehen Rechnung zu tragen, die in der Rezension, dem dominanten Format der Kunstpublizistik, häufig nicht beachtet werden. Diese Themen sind mit der Überschrift »Kontext« nur unzulänglich bezeichnet, da (Kultur)politik, Institutionsleben, Geld, Architektur, Display, Sammlungsorganisation etc. selbst »Texte« sind, die ebenso gelesen werden können, wie die Kunst- und Kulturformen, mit denen sie verknüpft sind. Besonders gut zeigt sich dies in Momenten institutioneller Transformation, wie zwei aktuelle Beispiele aus New York und Wien zeigen. (1)

In New York soll das MoMA wieder größer werden: Die Erweiterung des nur 10 Jahre alten Baus von Yoshio Taniguchi vollzieht sich seitwärts über zwei Nachbargrundstücke. Zum Lehrstück gerät die Geschichte durch das Schicksal des direkten Nachbarn: Neben dem MoMA befand sich das American Folk Art Museum, das sich in den späten 1990er Jahren dazu entschlossen hatte, seiner gewachsenen Bedeutung durch einen Neubau gerecht zu werden. Dieser wurde 2001 eröffnet. Für den oftmals preisgekrönten Bau der Architekten Todd Williams und Billie Tsien hatte man sich jedoch zu hoch verschuldet, die Wirtschafts- und Fundraisingkrise kam, und die Verantwortlichen sahen sich dazu gezwungen zu verkaufen.

Das MoMA nutzte die Gelegenheit und sicherte sich damit den Durchgang zu einem weiteren Nachbargrundstück, das es selbst an einen Immobilienentwickler verkauft hatte, allerdings mit der Auflage, sich an einem Neubauprojekt beteiligen zu können. Das MoMA kann sich nun um ca. 4000 Quadratmeter vergrößern während der ehemalige Nachbar mit nur 500 Quadratmetern an einer anderen Adresse sein Auskommen findet. Für Kontroversen sorgte zuletzt, dass sich nun auch die Architekten der MoMA Erweiterung, das Büro Diller Scofidio + Renfro, nach sorgfältiger Abwägung für den Abriss des 13 Jahre alten Museumsgebäudes nebenan entschieden haben. Obwohl das MoMA keine Verantwortung für die Krise des Nachbarn trifft, bleibt das Bild symbolträchtig: Die Seitwärtsbewegung des Riesen wird einem kleinen Nachbarn zum Verhängnis: Selten sorgen die gegenläufigen Auf- und Abbewegungen von Museumsboom, Wirtschaftskrise, Aufmerksamkeitsökonomie und Kapitalkonzentration für ein prägnanteres Bild. Zugleich (und vielleicht gerade deshalb) ist MoMA Direktor Glenn Lowrys Brief zum Jahreswechsel voll von Beschwörungen institutioneller Innovation. Diese soll nach nach dem vorliegenden Konzept immerhin in einer stärkeren Öffnung des Skulpturengartens und der gesamten Sockelzone bei freiem Eintritt liegen.

In Wien war das Weltmuseum Wien (bis 2013 Museum für Völkerkunde) laut Ausstellungsinformation »auf der Suche nach innovativen Ideen«, und wohl auch nach zusätzlichen Quadratmetern, weswegen die Suche in die Form eines Architekturwettbewerbs gegossen wurde. Wie in New York hat auch das Weltmuseum mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) einen mächtigen Nachbarn, dem es seit 2001 noch dazu rechtlich untersteht. Das KHM nutzt alle über und neben dem Weltmuseum Wien gelegenen Gebäudeteile der Wiener Neuen Burg für die permanente Ausstellung der Hofjagd- und Rüstkammer (vormals: Waffensammlung), die Sammlung alter Musikinstrumente und das Ephesosmuseum. Alle drei Sammlungen gemeinsam belegen gefühlt ein paar tausend Quadratmeter Hofburg und waren am letzten Samstag um 16:00 Uhr von ca. vier BesucherInnen besucht.

Diese Raumverteilung ist die direkte Folge eines über das gesamte 20. Jahrhundert erfolgreich betriebenen Lobbying des KHM und damit das Eregbnis einer Entwicklung, die spätestens 1919 begann, als sich der damalige Direktor der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe des KHM, Julius Schlosser, abschätzig über die sogenannte »Weltreisesammlung« des Thronfolgers Franz Ferdinand äußerte, um den Platzbedarf für »seine« Sammlungen zu unterstreichen. Schlosser schrieb – allerdings mit offenem Visier in einem Tageszeitungsbeitrag – über die Sammlung, dass »deren wissenschaftlicher und Bildungswert freilich im ganzen recht gering ist und höchstens argloser Schaulust einige Befriedigung bieten kann [...]. Da sie unverhältnismäßigen Raum beansprucht, wird man sich wohl entschließen müssen, sie unter solchen Umständen künftig entweder ganz aufzulassen oder anderweitig unterzubringen«.(2)

Solcherart nachbarschaftlich und verwaltungstechnisch kontrolliert, blieb »die Völkerkunde« auf das Erdgeschoß, den Mezzanin und den ersten Stock ihres Gebäudeteils beschränkt. Die nun präsentierten Umbaupläne werden daran nichts ändern. Zum wiederholten Mal zwängen sich Wiener Ausbauten unter und neben den Bestand, in diesem Fall unter die unbestrittenen Raumansprüche des KHM. Zum zweiten Mal nach der Beerdigung des Fusionskonzepts mit dem Museum für Volkskunde wurde die Möglichkeit für wahre Innovation nicht genutzt. Die Akteure hätten Museumsgeschichte schreiben können, wenn sie – gemeinsam mit der Kulturpolitik – das gesamte Nutzungsprogramm der Neuen Burg neu verhandelt hätten. Doch statt einer überfälligen Neuordnung wird aufwändig um den Status Quo herum gebaut. Und im Gegensatz zum MoMA werden nicht einmal innovative Raumprogramme gesucht: Ein Cash-Cow-Restaurant im Burggarten, ein vermietbarer Veranstaltungsraum und eine VIP Lounge in der Hofburg stellen die augenfälligsten neu geplanten Räume dar. Ein zwiespältiger Jahresbeginn: In New York schiebt das Neueste bereits das Neue weg. In Wien hingegen hat das Erbe wieder einmal die Erben gelähmt.

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(1) Zu beiden Themen hätte auch Kolumnenkollge Vitus Weh seine pointierte Expertise beisteuern können. Er hat sich zu seinem »Fünfziger« dazu entschieden, die Kolumnenstaffel weiterzugeben. Mit diesem Text, der etwas in »seinen« Themen wildert, bedanke ich mich bei ihm für das hervorragende Gegenüber, das seine Texte für mich gewesen sind, und für die damit verbundenen Einsichten.

(2) Schlosser, Julius, Der Kunstpalast des deutsch-österreichischen Volkes, Neues Wiener Tagblatt vom 3. September 1919. Förderhinweis: Der Verfasser ist beteiligt am FWF-geförderten Forschungsprojekt „Vom Kaiserforum zum Kulturforum Hofburg-Museums-Quartier“ im Rahmen des Hofburgschwerpunkts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Übermächtige Nachbarn
Dr. Alfons Huber | 14.01.2014 06:26 | antworten
Der sehr interessante Artikel thematisiert einen inzwischen 100 Jahre alten Problemfall: die Neue Burg selbst. Das imposante Bauwerk, konzipiert als Wohn- und Repräsentationsbau der kaiserlichen Familie, konnte nie als Ganzes einer offiziellen, wohldurchdachten Bestimmung übergeben werden. Alle Nutzungskonzepte waren irgendwie Verlegenheitslösungen. Deshalb ist die Neue Burg trotz ihrer einmaligen Lage eine Leerstelle, ein schwarzes Loch im Herzen der Kulturstadt Wien. Die dort etablierten Institutionen sind weltweit einmalig: Die Hofjagd- und Rüstkammer sucht aufgrund der Bestände aus Abras ihresgleichen. Die Sammlung alter Musikinstrumente ist die älteste ihrer Art weltweit und wegen der Objekte aus Abras und Catajo einzigartig in Bezug auf die Instrumente der Renaissance, des Frühbarock und der Frühgeschichte des Wiener Klavierbaus, und sie zieht Besucher aus aller Welt nach Wien (nur die Wiener selbst finden nicht her). Und auch die Ausgrabungen von Ephesus sind als Themenschwerpunkt und in Ergänzung zur Antikensammlung im Haupthaus KHM einmalig. Dass keine Besucher zu sehen sind, hat einen banalen Grund: Es gibt in ganz Wien kein Plakat, kein Inserat, kaum Zeitungsartikel, welche diese Sammlungen angemessen und gezielt bewerben würden (Im Mozart-Haus Vienna sind etwa 5% originale Objekte ausgestellt, der Rest sind Repliken; in der Sammlung alter Musikinstrumente sind 97% Originale ausgestellt, auf den "Repliken" dürfen die Besucher selbst spielen.). Und da ist dann noch die ÖNB als Ort des kollektiven Wissens mit rund 1000 Besuchern täglich. Das Problem österr. Institutionen ist, dass es keine interdisziplinäre Kooperation gibt. Zwischen KHM und ÖNB liegt eine Schengengrenze. Wenn es gelänge, bis 2018 ein übergreifendes und gemeinsames Nutzungs- und Kooperationskonzept für alle in der Neuen Burg ansässige Institutionen zu entwickeln (inkl. Weltmuseum, ÖNB, Sammlungen des KHM), so könnte die "Leerstelle" am Heldenplatz zu einer interdisziplinären "Lehrstelle" werden. Dazu wäre auch notwendig, die Geschichte dieses geschichtsträchtigen Baus (inkl. März 1938) aufzuarbeiten und zu thematisieren. (Übrigens: auch 100 Jahre nach J. Schlosser sind sich Fachleute darüber einig, dass sich unter den 14.000 Objekten der Weltreisesammlung ein Übermaß an für den Tourismus des 19. Jhdts. angefertigten Billig-Artefakten befindet (vergleichbar mit der heutigen Souvenirindustrie). Kooperation statt Konkurrenz wird das Erfolgsrezept des 21. Jhdts. heißen müssen. Wer es nicht glauben will, wird bald in den Geschichtsbüchern stehen (wie seinerzeit die k. k. Monarchie vor 100 Jahren).

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