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Arte Fiera Bologna 2016: Größer, älter, bunter

Vierzig Jahre alt und immer noch nicht ausgewachsen, wie es scheint. Die Arte Fiera in Bologna, einst die wichtigste Kunstmesse Italiens, hatte seit dem Antritt der Artissima in Turin beständig an Boden verloren, an Qualität, an Renommee und an Ausstellern. Seit einigen Jahren geht es wieder bergauf – zumindest zahlenmäßig. Der Unterschied zur Artissima ist allerdings schon am Publikum abzulesen. Bei ähnlichen Witterungsverhältnissen (November versus Ende Januar) geht es in Bologna wesentlich rustikaler zu. Auch die Stimmung ist eine andere. Wenn in Turin vergleichsweise vornehme Zurückhaltung geübt wird – das gilt für die Kleidung wie die Besucherzahl – herrscht in Bologna Volksfeststimmung. Die beiden Direktoren Claudio Spadoni und Giorgio Verzotti haben aus der Not eine Tugend gemacht und die Messe dem "Made in Italy" verschrieben. Damit ließe sich eventuell arbeiten, würde die Messe nicht wieder nach alter Größe streben. Mit 190 Galerien und insgesamt 222 Austellern zählt die Veranstaltung zahlenmäßig selbst international zu den Schwergewichten, ist jedoch eine nahezu rein italienische Angelegenheit. Selbst in einem so vielseitigen Markt wie Deutschland wäre es kaum vorstellbar auch nur die eine halb so hohe Anzahl ernstzunehmender Galerien zusammenzubringen. Als Konsequenz bietet sich dem Besucher in Bologna ein extrem disparates Bild. Da sind einerseits die Helden der jüngeren italienischen Kunstgeschichte, wie de Chirico, Fontana, Manzoni, Castellani, Bonalumi etc., deren hier angebotene Arbeiten auch nach zum Teil über 50 Jahren erstaunlich frisch wirken. Allerdings wird hier der Nachschub langsam rar, weil das obere Ende dieses Segments mittlerweile in London verhandelt wird. Einige Aussteller versuchen sich daher daran, die Transavanguardia wieder aufs Podest zu heben. Die etwas abenteuerlich wirkende Begründung von Glauco Cavaciuti aus Mailand lautet: "Die Transavanguardia war die einzige internationale Kunstrichtung Italiens in den 80ern." An anderen Ständen sind verstärkt Arbeiten von Mario Schifano zu sehen. Die Suche der Händler nach gut abgehangener Ware kann anderseits zu schönen Überraschungen führen. So hat Six di Sebastiano dell'arte zwei humorvolle Arbeiten Walter Dahns aus den späten 80ern zu 15.000 und 25.000 Euro im Angebot. Der Text in einer von ihnen könnte als Gebrauchsanleitung für zeitgenössische Abteilung gelesen werden: "Versuche es als Kunstwerk zu betrachten". Denn die traurige Konsequenz aus der Mischung von Nabelschau und Wachstum ist ein Überfluss an Mittelmäßigkeit. Die wenigen anschlussfähigen Galerien wirken recht verloren. Ex-Elettrofonica aus Rom sind als Erstteilnehmer ziemlich ernüchtert. Mario Mazzoli aus Berlin, der mit seinem ambitionierten Klangkunst-Programm eine Exotenrolle einnimmt, erklärt resigniert: "Die Leute hier wollen ein bisschen investieren. Die Kunst an sich interessiert sie überhaupt nicht." Andererseits wird es den Besuchern nicht gerade leicht gemacht. Qualitätskriterien scheinen bei der Auswahl der Teilnehmer eine untergeordnete Rolle zu spielen. Vieles von dem, was gezeigt wird, ist weder diskursfähig noch als Investment geeignet: Bunter Wandbewurf kostet genau so viel wie "richtige" Kunst, eine Fotogalerie kann nicht einmal Auskunft darüber geben, wer der Editeur der Reprints von Starportraits aus den 60ern ist, ein Händler wird trotz Ablehnung der Jury zugelassen, bestenfalls dekorative Spätwerke von Künstlern aus der zweiten Reihe werden durch daneben hängende Arbeiten aus der "guten" Zeit geadelt. Wer sich gut auskennt oder ein Risiko eingehen und aufstrebende Galerien abseits der ausgetretenen Pfade entdecken möchte, könnte Bologna nicht nur wegen der guten Küche besuchen. Würden ästhetische Zumutungen ebenso auf die Leber schlagen wie fettes Essen, könnte der Ausflug allerdings gesundheitsschädlich sein.
Arte Fiera Bologna 2016
29.01 - 01.02.2016

Arte Fiera Bologna
40100 Bologna, Quartiere Fieristico di Bologna
http://www.artefiera.bolognafiere.it
Öffnungszeiten: Do-Sa 10.30-20, So 10.30-19 Uhr


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