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Artissima 2015: Trüffelschweine und verpasste Gelegenheiten

Für Trüffelschweine ist gerade Hochsaison im Piemont. Das gilt nicht nur für das Borstenvieh. Auch Kuratoren und Sammler (Consultants weniger) druchstöbern die Artissima in Turin nach Neu- und Wiederentdeckungen. Für sie lohnt sich das wie immer, für die Aussteller oft nicht so sehr. Die Messe ist als umsatzschwach bekannt, weshalb viele Aussteller sie tatsächlich mehr als Schaufenster verstehen denn als Marktplatz. Die verschiedenen Fördersektionen wie "Back to the Future" und "Present Future" sind noch einmal preiswerter als die ohnehin nicht teure Messe, wodurch der Verkaufsdruck deutlich niedriger ist als in Basel oder London. Dementsprechend sind die Kojen vieler Galerien etwas gewagter als andernorts. Gregor Staiger aus Zürich ist bei seiner Erstteilnahme mit einer Solo-Präsentation von Rachal Bradley angereist. Die monochromen Materialbilder haben dann wider Erwarten einen Schweizer Sammler angesprochen, den die Galerie vorher noch nicht einmal kannte. So kann es also auch funktionieren. Denn das Publikum ist hier im Durchschnitt kenntnisreicher als auf den Mode-Messen. KOW aus Berlin hat gleich am ersten Tag eine Arbeit von Barbara Hammer an einen einheimischen Sammler verkauft, ein Video - nicht gerade die leichtgängigste Gattung. Mirko Mayer aus Köln berichtet, den ersten Verkauf aus seiner Soloshow von Clegg & Guttmann habe er am Eröffnungstag nach fünf Minuten getätigt. Die Sammler machten sich wohl schon vor Messebeginn im Internet schlau. Etwas mehr Vorarbeit könnte manchem Galeristen ebenfalls nicht schaden. Mit Camera hat gerade ein neues Zentrum für Fotografie eröffnet. Die erste Ausstellung ist eine Boris Mikhailov-Retrospektive. Sprovieri aus London ist die einzige Galerie, die den Künstler an ihrem Stand zeigt. Ansonsten Fehlanzeige. Dabei hätte hätte man erwarten können, dass der eine oder andere Kollege die Gelegenheit ergreift und sich entsprechende Ware ausleiht oder im Vorfeld auf dem Sekundärmarkt erwirbt. Timothy Persons von der Berliner Galerie Taik erklärt, wie die Wissbegierde der italienischen Sammler seine Messeplanung beeinflusst. Er habe festgestellt, dass die Teilnahme für ihn essentiell ist, um eine Woche später auf der (ungleich teureren) Paris Photo gute Geschäfte zu machen. Denn da kämen samstags die Italiener, die die Tage dazwischen für Recherche genutzt hätten, um zu kaufen. Allerdings habe er schon in Turin acht Arbeiten verkauft. Das geht nicht jedem so, und die Zulassungspraxis der Messe könnte daran durchaus ihren Anteil haben. Von 196 auf 207 ist die Teilnehmerzahl in diesem Jahr gestiegen. Die Qualität der Messe hat darunter zwar nicht sichtbar gelitten. Einer begrenzten Kaufkraft ein wachsendes Angebot zuzumuten, könnte hingegen eine nicht so gute Idee sein. Das scheint die Direktorin Sarah Cosulich-Canarutto einzusehen: "Es ist durchaus möglich, die Messe zu schrumpfen, und wir denken auch darüber nach", erklärt sie auf Nachfrage. "Aber da geht es hauptsächich darum, zu fokussieren und an der Qualität zu arbeiten. Und ja, der italienische Markt ist schwierig, aber italienische Sammler gehören zu den aktivsten der Welt. Denen wollen wir hier natürlich eine Plattform bieten, auf der sie Entdeckungen machen können. Ein Beispiel: Rachel Rose hat hier letztes Jahr den Present Future Preis gewonnen. Damals kannte sie niemand und es war sogar fast schwer für sie eine Galerie zu finden. Inzwischen hatte sie eine Ausstellung in der Serpentine Gallery und im Whitney Museum." Da hat sie zweifellos Recht: Auf der Artissima sind tatsächlich Entdeckunegn zu machen. Allerdings wollen viele Sammler und vor allem Kuratoren zum Jagen getragen werden. Dabei helfen die zahlreichen Preise, die auf der Messe vergeben werden und deren Jurys aus genau diesem Grund mit Sammlern und Kuratoren besetzt werden. Außerdem werden Einladungen mit Hotel und Bespaßung großzügig gehandhabt. Cosulich: "Wir haben sehr viel investiert, um die Zahl der anreisenden Sammler zu erhöhen. Wir haben sehr eng mit den ausländischen Galerien zusammengearbeitet, die 70 Prozent der Aussteller ausmachen. Wir haben 250 Sammler eingeladen und bemühen uns, jedes Jahr soviele neue wie möglich hierher zu holen. Viele von denen, die vorher auf unsere Initiative hier waren, kommen auf eigene Kosten zurück." International schent die Messe auf einem guten Weg zu sein. Vor Ort hakt es jedoch ein wenig. Das bei den Nachfahren der Römer beliebte Divide et Impera treibt hier seltsame Blüten. Mit The Others gibt eine Satellitenmesse, die eigentlich alles bietet, was man sich von so einer Veranstaltung als Muttermesse nur wünschen kann: Sie spricht ein junges Publikum an, das auch massenhaft in das ehemalige Gefängnis strömt, in dessen Zellen zum Teil durchaus seriöse Galerien - auch aus dem Ausland - ausstellen, die man wahrscheinlich nie in die eigenen Hallen lassen würde. The Others öffent überhaupt erst um 17 Uhr die Pforten, zieht also kein Publikum ab. Die Sponsorn sind dieselben, alles findet unter dem gleichen Dach des Stadtmarketings statt. Doch zusammengearbeitet wird nicht. Weder wird auf der einen Veranstaltung auf die andere hingweisen, noch gibt es einen Shuttle. Wer möglichen Synergien so verpuffen lässt und die Anbindung an den kulturellen Nachwuchs in der eigenen Stadt derart vernachlässigt, darf sich nicht wundern, wenn die Karawane irgendwann weiterzieht.
Artissima 2015
06 - 08.11.2015

Oval - Lingotto Fiere
10126 Turin, Via Nizza 294
Email: info@artissima.it
http://www.artissima.it
Öffnungszeiten: täglich 11 - 19 h


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