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Wir sprechen über wahnwitzige Ideen

Im Jahr 2011 hat Andrei Jecza, Jahrgang 1987, seine Galerie in Timisoara, Rumänien eröffnet. Ein Gespräch über den Wahnwitz einer solchen Idee, die lokalen Kunstsammler und die Bedeutung der osteuropäischen Kunst im internationalen Messegeschäft. artmagazine.cc: Eine Galerie in Timisoara, dem früheren Temeswar zu eröffnen, klingt zunächst nach einer ziemlich wahnwitzigen Idee. Wie kamen Sie dazu? Andrei Jecza: Heute eine Galerie von Null zu starten ist überall eine wahnwitzige Idee, ganz gleich ob man in Temeswar sitzt oder in Berlin... Die Kunstwelt an sich ist ziemlich verrückt und ich nehme an, ich bin keine Ausnahme. Ich liebe das aber von ganzem Herzen und könnte mir nichts anderes vorstellen. Es war mein Wunsch seit ich 16 Jahre alt war, einmal eine Galerie zu besitzen. Schon mit 18 habe ich meine erste Ausstellung kuratiert, in einem Popup Space. Als Sohn eines anerkannten rumänischen Bildhauers, Peter Jecza, der von klein auf von Kunst umgeben war und mit der Kunst aufgewachsen ist, kam das für mich ganz natürlich. Das gleiche gilt für meine Entscheidung, eine Galerie zu eröffnen. Seit ich mich erinnern kann, habe ich mit meiner Familie Kunstgalerien, Museen und Messen in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien oder Österreich besucht. Ich konnte vor diesem Hintergrund einfach nicht Quantenphysiker werden. Ich habe die Studienversicherung, die meine Eltern für mich abgeschlossen haben, in meine Galerie investiert, und so habe ich dann 2011 Jecza Gallery in meinem Heimatort Timisoara, eröffnet. Ich hatte aber schon 2009 angefangen, verschiedene Ausstellungen unter diesem Namen zu organisieren, hatte aber bis 2011 keine Räume. Gibt es in Rumänien überhaupt ernsthafte Sammler, die bereit sind, einen Künstler zu begleiten oder eine Galerie zu unterstützen? Mit Freude kann ich sagen, dass es schon solche Sammler in Rumänien gibt. Ich habe den Kunstmarkt Anfang der 90er erlebt, als meine Eltern versucht haben, mit kleinen Schritten den Markt für meinen Vater aufzubauen. Im Vergleich zu unseren Anfängen gibt es heute durchaus wichtige rumänische Sammler. Als ich die Galerie eröffnet habe, traf ich einen jungen Sammler, Ovidiu Sandor, der bereits ein paar der Temeswarer Künstler gesammelt hatte. Mit seinen regelmäßigen Ankäufen in der Galerie sind wir zusammen “groß geworden”. Was ich sagen will ist, dass wir beide von dieser Situation profitiert haben: Ich habe mein Programm entwickelt und fokussiert, und er ist jetzt einer der größten Sammler Rumäniens; nicht nur wegen mir, aber die Anfänge liegen dort. Die selbe Art von erwachsen werden hat sich in Cluj ereignet, mit der Galerie Plan B und Mircea Pinte und anderen. Dabei sind auch andere Sammlungen erwähenswert, wie z.B. Andrei Herczeg, Razvan Banescu, Roger Akoury oder Maria Rus-Bojan. Ovidiu Sandor hat durch seine besondere Begeisterung fur die rumänische zeitgenossische Kunst nicht nur eine oder mehrere Galerien unterstützt, sondern auch den ganzen Markt und die Szene. Den größten rumänischen Kunstevent, der als Biennale in Planung ist, hat er initiiert. Die erste Ausgabe von “Timisoara Art Encounters” wird dieses Jahr eröffnet mit Rainald Schumacher und Nathalie Hoyos aus Berlin als Hauptkuratoren. Ich denke, dass er das beste Beispiel ist, für einen angagierten Sammler, der sich ernsthaft nicht nur mit seiner Sammlung befasst, sondern mit der ganzen Szene. Wie sieht mit den Museen aus? Gibt es Institutionen mit einem nennenswerten Ankaufsetat? Nun ja, da haben wir noch Probleme. Es gibt nur wenige Museen, die ein richtiges Budget für Ankäufe haben, daher sind es wieder mal die Sammler, die Arbeiten kaufen und diese dann im Museum als Leihgabe ausstellen. Eine Ausnahme wird das Museum for Recent Art in Bukarest sein, das ein Bukarester Sammler finanziert und Anfang 2016 eröffnet. Dieses Museum widmet sich der rumänischen Kunst seit der Nachkriegszeit und hat in der Zwischenzeit viel investiert. Wie wichtig ist der europäische Markt für Ihre Galerie und Ihre Künstler? Ich kann nur in meinem Namen sprechen, aber ich finde, dass die europäischen Sammler sehr daran interessiert sind, europäische Kunst zu sammeln, darunter osteuropäische Kunst oder Kunst zu der sie keinen Zugang hatten. Mein Programm fokussiert sich hauptsächlich auf Künstler, die jetzt schon 70 oder 80 Jahre alt sind, das heisst, dass ihre intensivste Zeit in den 1960er, 70er und 80er Jahren war, so wie Constantin Flondor, die Sigma1 Gruppe, Liviu Stoicoviciu, Paul Neagu oder Molnar Zoltan. Diese Künstler waren in den 1990er Jahren nach der Wende entweder zu alt oder national schon zu institutionalisiert, um noch von Galerien vertreten zu werden. Daher kommen sie erst jetzt in den Fokus und sind aus diesem Grund wieder sehr interessant sowohl für junge Galerien, als auch für etablierte Sammlungen. Ich vertrete sehr wenige ganz junge Künstler, aber auch diese sind sehr begehrt, da sie hauptsächlich aus der so genannten Cluj-Schule kommen. In meinem Fall sind das abstrakte Künstler, die sich von der anerkannten figurativen Richtung der Cluj-Künstler entfernen, so wie Dan Maciuca oder Genti Korini. Welche Rolle spielen Messen dabei? Eine sehr große Rolle, vor allem für jene Galerien, die sich überwiegend für den internationalen Markt interessieren oder die nicht in Cluj sitzen, das sowieso zu einem internationalen Hot Spot geworden ist. Ich finde es aber immer noch wichtig, auch einen lokalen Markt aufzubauen, und hier können wir anfangen, über wahnwitzige Ideen zu sprechen. Ich glaube, dass der rumänische Markt wächst und dass sich rumänische Galerien viel zu wenig darauf konzentrieren. Ich habe 2011 erstmals an der damals noch Viennafair heißenden Messe ausgestellt. Deswegen bleibe ich Wien treu, auch dieses Jahr auf der viennacontemporary. Trotz allem ist die Messe das “Stargate” zu den internationalen Sammlern und Kuratoren. Daher kann man sich kein Jahr vorstellen ohne diesen wichtigen Teil des Marktes. Einige rumänische Künstler haben eine bemerkenswerte Karriere hinter sich in den letzten Jahren. Zieht das die gesamte Szene mit? Gewiss, das ist ja auch, was in Cluj passiert. Das beginnt auf die anderen Städte überzugreifen, da wichtige ältere Künstler aus der Generation von Constantin Flondor, Geta Bratescu, Paul Neagu oder Ion Grigorescu nicht nur in Cluj ihren Sitz haben. Es ist aber wahr, dass die internationale Aufmerksammkeit für die rumänische Kunstszene auch auf Victor Man, Marius Bercea, Mircea Cantor oder Adrian Ghenie zurückzuführen ist. Hat die Wahl eines rumäniendeutschen Regierungschefs die Stimmung im Land und die Situation für die Kunst verändert? Ich selbst bin ein Fan von Klaus Iohannis, da bin ich nicht ganz neutral. Ich finde aber, dass seine Wahl ein großer Schritt für Rumänien ist, und dass sein Staatsprojekt und Plan uns viel Gutes bringen wird. Sein Kontrahent wäre für den Kunstmarkt wegen der politischen Doktrin der Sozialdemokraten keine so gute Wahl gewesen. Für den Kunstmarkt ist die Wahl von Iohannis gut. Ich finde es aber auch sehr wichtig für ein Land wie Rumänien, einen ernsten und organisierten Präsidenten zu haben. -- JECZA GALLERY Calea Martirilor 1989 Nr. 51/52 300774 Timisoara Tel: +40 722 666445 jecza@jeczagallery.com www.jeczagallery.com

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