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Seele

Einer der besuchenswertesten Ausstellungsorte in Deutschland zeigt sich in Neupräsentation. Das Literaturmuseum in Marbach hat aus seinen etwa 50 Millionen Stücke umfassenden Beständen deren 280 zu Exponaten gemacht und führt sie vor, wie es sich gehört: In Vitrinen, so dass sie einander buchstäblich spiegeln und gleichzeitig die Solitäre abgeben, die sie als Bestandteile eines Lebens, eines Oeuvres, eines Überwältigungszusammenhangs darstellen. Man kann sich für viele Stunden verlieren in dieser Schausammlung, auf den Begriff „Seele“ haben die Kuratoren Heike Gfrereis und Ulrich Raulff die Kollektion gebracht, und „Psyche“ heißt bei Platon ja auch Gespräch. Anbei aus der Fülle des Gezeigten und Assoziierten in chronologischer Folge meine Top Ten. Aus dem Jahr 1901: Kafkas Abiturzeugnis Ein konventionelles Blatt für ein Literaturarchiv. Sechs Mal „lobenswert“, sechs Mal „befriedigend“, in Tschechisch besser als in Deutsch, in Griechisch besser als in Latein. Der Katalog fügt eine Briefstelle hinzu, aus der nie abgeschickten Abrechnung mit dem Vater: „Immer war ich überzeugt … dass, je mehr mir gelingt, desto schlimmer es schließlich wird ausgehn müssen.“ Aus dem Jahr 1928: Das Manuskript zu Döblins „Berlin Alexanderplatz“ Der Roman, der für die radikale Moderne in Deutschland steht, schien mir immer eher unlesbar. Beim Betrachten des Manuskripts stellt sich heraus, dass man ihn vielleicht tatsächlich eher ansehen als durchlesen sollte, getippte Passagen wechseln sich hier mit aufgeklebten ab, der Text ist durchsetzt mit Zeitungsausschnitten. Die Blätter sind also Collagen, die Wirklichkeit, die sie festhalten, verdankt sich in ihrem Stakkato an Simultanitäten den montierten Papieren, die sie beschreiben. Aus dem Jahr 1933: Ein Brief Heideggers an seinen Bruder Ein einziger der fast 600 Briefe, die der Meister aus Deutschland an Fritz den Bruder richtete, ist maschinengeschrieben. Er entstand während der berüchtigten Rektoratszeit, der Führer und sein Jargon winken aus jeder Zeile, und Heidegger vermeldet an diesem 4. Mai 1933: „Ich bin gestern in die Partei eingetreten.“ Aus dem Jahr 1941: Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ aus Benns Bibliothek Auf der Seite mit dem Abdruck von Rilkes Sonett gibt es Vermerke von Gottfried Benn. Er hat mit dem Füller die drei Stellen unterstrichen, an denen der Vorfahr im Reiche der Lyrik das Wort „wie“ verwendet und also einen Vergleich anstellt. Zehn Jahre später drechselt Benn daraus einen Vortrag. Die Verwendung von Wie“ stelle eine „Schwäche der schöpferischen Transformation“ dar, hält er darin fest, aber konstatiert auch gönnerhaft: „Rilke war ein großer WIE-Dichter.“ Aus dem Jahr 1948: Ein Liebesbrief von Erich Kästner „Spätzchen, Mätzchen, Frätzchen, Kätzchen, Schätzchen, Plätzchen, Lätzchen, Tätzchen, Maträtzchen“ und derlei mehr nimmt der Gebrauchslyriker zur Anrede. Die Adressierte ist Ilse Heim, doch es hätte auch eine der diversen anderen sein können, die er zur Geliebten hatte, incognito jeweils, und da war auch noch die offizielle Lebensgefährtin. Aus dem Jahr 1951: Ein Eintrag in Ernst Jüngers Kalender. Ganz lapidar unter dem Datum 3. Februar: „¾ 10 Hofmann + Prof .Konzett 0,00005 gr.“ Die äußerst geringe Menge unidentifizierten Stoffes ist nicht so lapidar, wie sie dasteht. Die Angabe bezieht sich auf LSD, das Jünger an diesem Abend mit dessen Entdecker Albert Hofmann ausprobiert hat. Aus dem Jahr 1967: ein Brief Reich-Ranickis an Hans-Werner Richter Die Anrede ist sprechend genug: „Mein Führer!“. Es war das Jahr, wo man dem Mentor der Gruppe 47 seinen Alleinvertretungsanspruch in Abrede stellt, Peter Handke hatte kurz davor für Furore gesorgt, und Reich-Ranicki, der sich später gut und gern die Attitüde Richters zulegen wird, wechselt für den Moment hinüber ins Lager der Aufrührer. Aus dem Jahr 1971: Peter Szondis letztes Adressbuch Aufgeschlagen ist die Doppelseite für die Buchstaben J und K. Jauss ist zu lesen, Johnson, Kerenyi und es gibt die Telefonnummer vom Kempinski in Berlin. Kaum leserlich sind die Einträge, das Bändchen ist nass geworden, denn Szondi trug es bei sich, als er im Halensee ins Wasser ging. Er hat den Freitod gewählt und ist damit einer Praxis gefolgt, wie sie fast Tradition wird unter Überlebenden des Holocaust. Das Jahr davor war Paul Celan gegangen, etwas später trifft es Jean Améry. Aus dem Jahr 1986: Ein Brief an Michael Ende Das Schriftstück stammt von einer gewissen Daniela Werz. Sie ist wohl noch sehr jung, denn sie schreibt ihm folgende, die Ökonomie des Literaturbetriebs auf den Punkt bringenden Worte: „Dein Buch hat mir gefallen. Schade, Dein Buch ist bald leer. Aber Dein Buch kann man ja wieder nachkaufen.“ Aus dem Jahr 1994: Ein Brief von Thomas Strittmatter an einen Deutsch-Leistungskurs Der Autor war gefragt worden, ob er all das selbst erlebt habe, worüber er in seiner Literatur Auskunft gebe. Strittmatter antwortet mit Turgenjew: „Man muss in keiner Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Zum Ende der Jahrhundert-Chronologie hin dünnt sich die Vielfalt aus, und der verschrobene Collagist W.G. Sebald übernimmt die Zuständigkeit für malerische Schift-, Text- und Bildstücke. Das Digitale hat sich der Produktion bemächtigt, das ist so unausstellbar, wie es gang und gäbe wird. Das Literaturarchiv leidet, so hört man, ein wenig darunter, dass die Autoren und alle, die es werden wollen, kaum, dass sie einen kleinen Gedanken in den Computer getippt haben, das schon für ein Konvolut halten und es unverzüglich nach Marbach mailen. Das aber ist ein anderes Thema. Die Ausstellung bleibt bei dem, was hier als „Seele“ firmiert: dem Prinzip Original.

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