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Blau

Erste Doppelseite: Nobelmarke, Schweizer Armbanduhr. Zweite Doppelseite: Nobelmarke, Deutscher Sportwagen. Dritte Doppelseite: Nobelmarke, Schweizer Armbanduhr. Vierte Doppelseite: Nobelmarke, Japanischer Modemacher, Abteilung Düfte, „Fragrance for Men“. Geht es nach der Einstiegswerbung, so ist das neue Kunstmagazin des Springer-Verlags, das dieses Wochenende der „Welt“ beiliegt und bald im, wie heißt das, ausgewählten Zeitschriftenhandel zu haben sein wird, ein Premium-Produkt für Männer. Für diejenigen, die sich, bevor sie ihre Ehefrauen mit einer Jüngeren betrügen, überlegen, ob es nicht auch ein schnelles Auto, ein schicker Chronometer und zumindest ein wenig olfaktorische Zufuhr tun. Und natürlich, denn irgendwann kommt das Heft dann doch noch darauf zu sprechen: Ob es nicht auch die Kunst tut. „Blau“ ist der Titel des bunten Blattes, und blau ist immer schon die Farbe der Jungs. Wer kann, darf an Klein denken, und im Inneren, sollte es dem Leser für den Moment kurz entfallen sein, wird er auch noch explizit an den monochromen Yves erinnert. Das passiert in einer Rubrik namens „Apéro“, die ansonsten von Helge Achenbach und den Werken, die er im Gefängnis eigenhändig hat entstehen lassen, von Markus Lüpertz und der Tatsache, dass er eine Gewehrpatrone für die Großwildjagd entwickelt hat, und von Charles Rennie Mackintosh, dessen Arts & Crafts-Domizile zum Verkauf stehen, handelt. Was die Buben halt gern haben: Schießerei, protzige Häuser, ein wenig Balancieren an der Illegalität, alles eingefasst von einem Drink. Das Titelbild "Wool" der Erstausgabe BLAU, © Axel Springer Verlag Bemerkenswert, wieviel Klischees auf Doppelseiten gehen. „Blau“ ist ein Herrenmagazin, das sich als Kunstmagazin tarnt. Und weil heutzutage ohnedies keiner weiß, was ein Magazin ist, geschweige denn, was mit Kunst gemeint ist, kommt „Blau“ als die eierlegende Wollmilchsau daher, die es nur in Designerhirnen gibt. Manchmal, in gewissen Passagen zur zeitgenössischen Kunst, etwa im Porträt der Norwegerin Ida Ekblad, ist „Blau“ wie „Monopol“; dann wieder, so als gäbe es noch Zahnarztpraxen zu erobern, wie „art“; weiter hinten, wenn es um Kunstmarktangelegenheiten geht, ähnelt es der gediegenen „Weltkunst“; schließlich kommen auch Reststücke jener Achtziger aufs Tapet, als Kulturmagazine noch „PAN – unsere herrliche Welt“ heißen durften, etwa wenn Martin Mosebach sich bräsig über Raffael vernehmen lässt und Fotos daneben stehen wie aus dem Archiv der „Westermanns Monatshefte“. All das gebündelt für- ja für wen eigentlich? Für eine Figur, die nur Designerhirnen entschlüpft sein kann, für den Mann in seinen verlängerten besten Jahren, der gern allein ist mit dem Schönen, aber dafür einen Porsche braucht, der Camp ist, aber längst vergessen hat, dass das eine Qualität vor fünfzig Jahren war. In seinem Editorial nimmt Chefredakteur Cornelius Tittel, der früher mal bei „Monopol“ war und dann Ressortleiter Kultur der „Welt“, Hans-Ulrich Obrist aufs Korn. Der gab vor einigen Ausgaben im SZ-Magazin seine Rastlosigkeit zu Protokoll, und Tittel stilisiert das jetzt zum Anlass eines Aufrufs zur Entschleunigung. Der Leser, so darf man sich sagen lassen, soll mitten im Leben stehen, es aber auch von außen betrachten. In diesem Sinn ist „Blau“ die Diagnose auf den Zustand der Kunst: Sie soll mitten im Leben stehen, es aber auch von außen betrachten. So etwas nennt man dann festen Standpunkt.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
eben doch wieder nur azurblau
conni de witt | 04.05.2015 07:43 | antworten
Danke fuer die klare und offene kritik. Wenn auch schade, dass wieder eine chance fuer einen titel verpasst wurde.

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