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Theater

Volksbühne Berlin, Foto: Schlaier What lies between the arts is theater”: Das ist einer dieser apodiktischen Sätze, mit denen sich Michael Fried in die Geschichte der Kunstkritik hineingeschrieben hat. Sein “Art and Objecthood”, 1967 verfasst, ist gerade in seiner reaktionären Verve gegen alles, was nicht Modernismus war, ein grandioser Text. Er wollte die Gattungen festschreiben, Malerei sollte zwei- und Skulptur dreidimensional bleiben und nicht irgendwas dazwischen aus sich heraus entlassen, wie es soeben Minimal vorführte. “Art and Ojecthood” ist ein wütendes Anti-Manifest gegen die performativen, transgressiven, eben theatralischen Tendenzen einer neuen, Medien übergreifenden Kunst. Die Kunst – er brachte sie in genialischer Vereinfachung auf den Begriff “Literalist Art”, Buchtäblichkeitskunst - ist ganz so geworden, wie Fried es warnend ahnend prophezeite. Der Kritiker wurde in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Was Fried als “mit den Umständen befaßt" denunzieren wollte, ist längst als Kontext geadelt; was er als “Komplizenschaft mit dem Publikum” aufs Korn nehmen wollte, ist heute synonym mit dem Cliquengeist des Kunstbetriebs; und was Fried “Presentment” nannte, die Wahrnehmung in Realzeit, ist in Performance, Installation, Internet sowieso die Domäne einer nicht mehr gattungsspezifischen Kunst. All das, was Fried der Produktion der innovationstrunkenen sechziger Jahre vorgeworfen hat, wurde in Folge ins Positive gewendet und zum Programm gemacht. Dazu passt perfekt die Kolportage um die Berliner Volksbühne die an diesem Dienstag lanciert wurde. Frank Castorf, seinerseits im Fokus des ästhetischen Diskurses speziell der Zeit um 1990, als Dekonstruktion und Dissemination und Differenz en vogue waren, soll durch einen anderen, sozusagen heutigen Diskursträger abgelöst werden, der aus dem Betrieb der bildenden Kunst kommt. Chris Dercon soll also Theaterintendant werden. Dercon ist bekannt geworden am Witte de With in Rotterdam, ging dann ans Haus der Kunst, um diesen Tanker sehr zielsicher durch die bekannten Münchner Untiefen zu steuern. Jetzt ist er Chef der Tate Modern, des sicherlich einflussreichsten Hauses für Gegenwartskunst weltweit. Die Diskurse, die Dercon auf den Leib geschrieben sind, ranken sich um die Codes von heute: Ökonomie, Socializing, Street Credibility. Ein Kunstmann als Theatermann: Während die Bühnenleute zweifeln, ob Dercon den Castorf im Kreuz hat, muss unsereiner doch eher fragen, was den Leiter der Tate Modern an ein renommiertes, aber nicht polyglottes Institut locken könnte. Dercon hat mit Charme und Sophistication die Münchner um den Finger gewickelt (die ihm jetzt, da mit Okwui Enwezor ein orthodoxerer Geist durchs Haus der Kunst weht, gehörig nachtrauern). Wie man hört, ist er auch in London durchaus smart unterwegs. Am Erfolg liegt es also nicht. Vielleicht ist es doch der Diskurs, jener von vor 50 Jahren, der Diskurs mit der Komplizenschaft von Kunst und Theater. Michael Fried hat wohl wieder einmal Recht bekommen. In einer Fußnote seines Essays hatte Fried damals die vielleicht triftigste, hellsichtigste, von heiligem Zorn diktierte Bemerkung über seinen Gegenspieler versteckt: “Man wirft der Buchstäblichkeitskunst vor, wenn man ihr überhaupt noch etwas vorwirft, dass sie langweilig sei. Es liegt jedoch eine schwerere Last auf ihr: Sie ist nichts außer interessant.” Interessant wird sein wie es weitergeht in Berlin. Castorf , so liest man am heutigen Mittwoch, hat seinen Vertrag um ein Jahr verlängert bekommen. Das wird den Mann von der Kunst nicht schrecken.

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