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Schlechtes Benehmen

„Das schlechte Benehmen haben die Deutschen von den Österreichern gelernt“: Diesen Satz gab vor einigen Jahren Christian Ludwig Attersee zu Protokoll, und er bezog sich auf allerlei Umtriebe, in denen Österreichs Kunstszene einst auf sich aufmerksam gemacht hatte, das legendäre 1967er „Zock-Fest“ oder die noch legendärere Brus-Wiener-Weibel-Kaltenbäck-Chose, die als „Uni-Ferkelei“ in die Geschichte eingegangen ist. Attersee meinte aber auch die Zeiten dazwischen, da man im Beisl saß und über die Stränge schlug. Wie es aussieht, liebte man gerade deswegen auch Begriffe wie „zustandsgebundene Kunst“, denn nur in den Zuständen, die man an sich, gern auch mithilfe diverser Substanzen, herstellte, ließ sich vortrefflich das klassisch-avantgardistische „Je est un autre“ durchexerzieren. Die Deutschen ließen sich die Lektion nicht zweimal sagen. Speziell im Umfeld der Galerie Hetzler sprang der Funke über. Berühmt und berüchtigt die Herren Förg und Kippenberger, die ihres schlechten Benehmens wegen gar von der documenta ausgeladen wurden, nachdem ihnen Wolfgang Max Faust seinen knorrigen Aufsatz „Der Künstler als exemplarischer Alkoholiker“ hinterher geschrieben hatte. Da ließ sich auch mit Traditionen nicht mehr viel korrigieren, kein „Epater le Bourgois“, kein Vorbild van Gogh und auch kein Etikett, auf dem irgendeine Wortfügung mit „wild“ klebte, konnte helfen. Sie hatten einmal zu oft gekeilt. Betrachtet man die Sache von heute, waren das eher Kinderkrankheiten. Heute wird schlechtes Benehmen vorausgesetzt, und wie es sich gehört für einen Kapitalismus, der mehr Kriminelle in einem Drei-Sterne-Lokal sitzen hat als in ganz Süditalien, ist es längst nicht mehr mit Saufen verbunden. Heute ist schlechtes Benehmen eine Art Ingredienz des Geschäfts. Liest man die Kommentare zur Causa Achenbach, hat man den Eindruck, als hätten den Kunstbetrieb die Selbstreinigungskräfte vollkommen verlassen. Der steht im Raum als Gierschlund, Betrüger, Über-den-Tisch-Zieher, und gäbe es nicht die herrliche Souveränität der Justiz würde er gänzlich verkommen. Die sechs Jahre Haft für den Kunstberater, dessen Berufsbezeichung nur noch in Anführung und mit dem Zusatz „selbsternannt“ versehen erwähnt wird, sind gerade genug für den Exponenten einer Liga, deren Elixier in der Grauzone gebraut wird. Der Rappel à l'ordre, so der Tenor, ist wohl verdient. Im aktuellen „Merkur“ gibt es gleich zwei Essays, die im gleichen Terrain wildern. Burkhard Müller, renommierter Literaturkritiker, kühlt sein Mütchen am Fälscherpaar Beltracchi, Walter Grasskamp, der Chefsoziologe der bundesdeutschen Kunstszene, fragt nach der Logik, wie sie auftaucht, wenn ein rheinischer Kasinobetreiber zwei Warhols verkauft. Auch hier spielt Häme herein: Es geschieht allen nur ganz recht, wenn sie jetzt blöd dastehen, denn die anderen für blöd verkaufen war von jeher Strategie des Betriebs. Dessen Metier ist ja, so stellte es der jetzige Merkur-Herausgeber Christian Demand vor zehn Jahren in einem sehr einschlägig gewordenen Buch heraus, „die Beschämung der Philister“, das Unschädlichmachen jeder aus dem gesunden Menschenverstand heraus artikulierten Beschwerde mit den Mitteln der Unterstellung von Ignoranz und Kulturlosigkeit. Art Basel in Hong Kong 2015, Foto: Jessica Hromas/Art Basel 2015 © Art Basel Lange hat der Kunstbetrieb in der Tat allzu großartig getan, sich moralisch gegeben, bildungsbeflissen, überlegen eben. Dass er dabei, wie Pierre Bourdieu immer schon überzeugt war, nichts anderes absteckte als ein notorisches Feld heftigster Rivalitäten, wurde unter den Teppich gekehrt. Der Kunstbetrieb ist eine Spielwiese der Heuchelei. Jetzt hat er ein schönes Stück symbolisches Kapital verspielt. Dass im Gegenzug jede Menge ganz pekuniäres Kapital daherkommt, wird ihm seinen alten Status nicht zurückgeben.

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