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Leipziger Buchmesse

Bei Judy Lübke gab es Accrochage. Dass das nichts zu essen ist, konnte man am Tag nach der Eröffnung erfahren, als es in seiner Galerie zur Lesung kam, zur Literatur gar, auch wenn das Stück Schöngeistigkeit immerhin, was heutzutage öfter vorkommt, im Kunstbetrieb spielt. So hing man also auf seinem Stuhl wie an der Wand links neben einem der großformatige Neo Rauch und ließ sich von „Johnny und Jean“ erzählen, zwei Doppelgänger gleichen Namens, die es bildnerisch zu etwas bringen wollen. Diejenige, die sie sich ausgedacht hat, Teresa Präauer, hat selber Malerei studiert, und so war es eine Art Rückkehr ins angestammte Milieu, als sie bei Eigen + Art, der Startbahn des Leipziger Take Off ins Schulmäßige, aus ihrer Neuerscheinung las. Wie der Rest der Tausenden von Veranstaltungen, die zur Leipziger Buchmesse in die Stadt wucherten, war auch Teresa Präauers Auftritt zur besten Samstagabend-Sendezeit ein Angriff der Gegenwart auf die übrigen Momente des Lebens. Es war frappierend, wie das urbane Milieu für ein Wochenende auf die Gelegenheiten einging, die einem Bücher bieten. Man lief durch die Straßen und traf alle paar Meter auf einen Ort, der bestuhlt war, um Leute zu beherbergen, damit sie sich gut benehmen. Damit sie zuhören, mitreden, sich konzentrieren lassen, als wäre zwar der Kanon tot, aber nicht die Autorität, die man ihm zugesteht. In Lokalen sowieso, aber auch in Hotels, in Boutiquen oder eben in Galerien hatte der Literaturbetrieb seine Rhizomatik entfaltet. Dieses freimütige Einverständnis mit der Gesellschaft des Spektakels ist das Alleinstellungsmerkmal der Leipziger Buchmesse. Während sie in Frankfurt im Herbst zwischen dem Fach- und dem normalsterblichen Publikum trennen, bräsig, soigniert, gönnerhaft ihre Zimelien ausbreiten, die sie doch als Massenware verkaufen müssen, tun sie sich in Leipzig keinen Zwang an. Alle dürfen zu allen Zeiten hinein, man kann jedes Buch sofort kaufen, es gibt jede Menge Lesestationen, an denen die Autoren was auch immer zum Besten geben, als stünden sie am Speakers's Corner, und der Clou ist ohnedies die Halle eins, wo sich die Comics abspulen. Die Halle ist längst Kult, die Kids kostümieren sich als Cruella De Vil, als Hobbit und gern als Cinderella. Wie die Lesungen ins Zentrum driften, so lassen sich die Kostümierten dann in die belletristischeren Bereiche hineinfallen, wo manche müde Manga-Figur in die Horizontale rutschte, um die Staffage sich selbst zu überlassen. Die pure Menge an Hockenden, Liegenden, Legeren allein zeigt, wo die Leipziger Buchmesse daheim ist: Beim Prinzip Festival. Cosplays in Gruppenkonstellationen auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Leipziger Messe GmbH / Jens Schlüter Als wäre es ein Gegensteuern, ist der Preis der Buchmesse zum ersten Mal an einen Lyriker gegangen. Doch natürlich steht diese Entscheidung in schneidender kultureller Logik: Jan Wagner nimmt jetzt mit, was per Slam Poetry, Rap und sonstigem Stakkato-Jargon ausgebreitet worden ist. Längst sind die Reim-und-Vers-Dichter den Prosaikern und sonstigen Romanciers an Performance überlegen. Auch Lesungen tendieren zum Festival. In Leipzig wird es – noch - Buchmesse genannt. Ich war übrigens in offizieller Mission in Leipzig. Ich habe nämlich selber ein Buch vorgestellt, auf der Messe und in einem Laden für Designermöbel. Und zwar dieses: www.brandstaetterverlag.com/buch/die-stadt

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