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├ťber Verbl├╝ffungsresistenz

Kunstkenner und Griechenversteher Sie ist ein zweifellos ein Phänomen unter professionellen Kunstsinnigen. Ich spreche von der Verblüffungsresistenz. Obwohl sie eigentlich aus dem Staunen nicht heraus kommen sollten, kultivieren Connaisseure und Connaisseusen der Gegenwart ein Überlegenheitsgefühl aus Unempfindlichkeit. Das „nihil admirari“ der Stoiker ist zu einer durchgängig akzeptierten Haltung geworden, derweil Erregung als eine unwillkommene Verwirrung des Gemüts angesehen wird. Das Staunen wird als Merkmal der Laien abgetan. Kunstbetrachtung auf Expertenniveau gleicht dem Beamtenmikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Dass dies den Angesprochenen nicht unbemerkt bleibt, ist an ihren Gegenstrategien abzulesen. Um sich selbst und andere zu spüren, ziehen Ausstellungsmacher/innen ihre Regungsfähigkeit aus der Konfrontation mit Konflikten. Das Ästhetische braucht ethische und ethnische Unterfütterung. Die letzte d(OCUMENTA) hatte einen Schauplatz in Afghanistan, die nächste – so lernen wir – wird einen in Griechenland haben. Kunst, so scheint es, braucht die Zufuhr von emotionssteigernden Ingredienzen wie Schauer und Scham, wie Not und Brüche, wie das Andere im Eigenen. Zudem geht es um die Wiegen der Kultur. Historisch zu rechtfertigen ist das allemal. Der Standort Kassel war nach dem Krieg nicht zufällig gewählt: fast vollkommen zerstört und unmittelbar an der Grenze zur ideologischen Andersheit, der DDR. Kassel sitzt an der Teilungsnarbe. Das Fridericianum ist das erste Museum auf kontinentalem Boden. Außen ist es mit einem hellen hellenischen Portal ausgestattet. Der Idee nach ist das Gebäude noch fürstlich. Dennoch dient es schon als Wegweiser in die Aufklärung und mit ihr in heutige Kunstvorstellungen. Beuys wird später auf dem Platz wuchtige Basalte und damit ein Zeugnis deutscher Geschichte ablegen. Das Pathos ist in die Geschichte dieser Institution also eingraviert. Schon von Beginn weg: Bei der documenta II, 1959, werden auf dem Vorplatz der Orangerie Skulpturen vor den Trümmern des zerschossenen Gebäudes platziert. Darunter prominent Ossip Zadkines „Zerstörte Stadt“, eine in sich gespaltene Männerfigur, klagend, sich selbst zerfleischend, himmelschreiend. Zugleich war die Präsentation ein Eingeständnis der Schuld. Die Skulptur war für den Hafen von Rotterdam entstanden, den die deutschen Bomber vernichtet hatten. Heute steht eine andere drohende Teilung infrage. Athen liegt gleichsam jenseits der Grenze und doch in der eigenen Gemeinschaft. Die Nerven auf beiden Seiten liegen blank. Deutsche ducken sich durch griechische Lokale, Einheimische verkneifen sich bittere Vorhaltungen. Politiker/innen sind entweder zu mürrisch oder zu feurig. Abermals wird die Kunst dazu auserkoren, Diplomatie und fehlende Verständigung zu substituieren. Kuratorisch verteidigt wird dies mit dem Hinweis, es gehe um die relevante Kunstproduktion. Übersehen wird, dass Kunst nach dieser Denke zum politischen Mittel verflacht und daher wenig zur Entschärfung beiträgt. Dazu kommt noch die Erregungsimmunität ihrer Klientel.

Diese wurzelt interessanterweise im gräzistischen Bild des Nordens, in den Bibliotheken und Galerien, die in Kassel und Dresden zur Zeit der Aufklärung eingerichtet worden waren. Seiner kulturellen Anthropologie der Völker zufolge war Griechenland für Johann Joachim Winckelmann Sehnsuchtsort und Wiege der Vollkommenheit, sowohl ethisch als auch ästhetisch. Schenkt man ihm Glauben, dann war die hohe Kultur des Griechentums die Folge der Umleitung ihrer Erregbarkeit ins Geistige. Winckelmann sucht das Bereinigte, die ästhetische Austerität. In seinem Hymnus preist er den Apoll dafür, keine erhitzten Adern zu haben. Damit sublimiert er nicht nur eigene Triebmotive und spaltet die Angst vor der Erregung. Zugleich schreibt er damit den Konsens heutiger Kunstexpertise fest. „Gehe mit deinem Geiste in das Reich unkörperlicher Schönheiten, und versuche ein Schöpfer einer Himmlischen Natur zu werden, um den Geist mit Schönheiten, die sich über die Natur erheben, zu erfüllen: denn hier ist nichts Sterbliches, noch was die Menschliche Dürftigkeit erfordert. Keine Adern noch Sehnen erhitzen und regen diesen Körper, sondern ein Himmlischer Geist, der sich wie ein sanfter Strohm ergossen, hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfüllet.“ (J.J. Winckelmann)

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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