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Die Frau auf der Treppe

Eine wenig erinnert die Konstruktion an die Abba-Soap „Mamma Mia“. Drei ältere Männer balgen sich um eine Frau, die auch nicht mehr jung, aber in einem entfernten Summer of Love ihre Liebschaft gewesen ist. Stellt man sich, wie das bei der Lektüre von Büchern gemeinhin geschieht, die Hauptperson vor Augen, die in ziemlich wüstem Terrain an der Küste Australiens lebt, dann schiebt sich Meryl Streep vor die Linse, blond, ein wenig zu vital für ihre Verhältnisse, mit Latzanzug. Womöglich hatte Bernhard Schlink da eine Vision, als er seine Irene Adler entwarf. Benannt ist sie nach einer Figur bei Sherlock Holmes. Keine Vision, sondern eine konkrete Abbildung auf seinem Schreibtisch stehen hatte Schlink, als er das Momentum der Geschichte, die treibende Kraft, die schon im Titel steht, beim Schopf packte. Zugleich stellt Schlink sie allerdings in Abrede. So gibt es am Ende des Buches eine Anmerkung dazu, und wer bis dato die Idee nicht hatte, Gerhard Richters 1966er „Ema - Akt auf einer Treppe“, sei mit dem beschriebenen Werk gemeint, dem wird sie jetzt durch Schlinks Dementi eingegeben. Zwar stünde eine Postkarte auf seinem Arbeitstisch, jedoch, so heißt es im Nachwort, „im Wechsel mit anderen Postkarten und Fotografien. Darum haben aber Gerhard Richter und der Maler Irenes nichts miteinander gemein“. „Darum“ haben sie „aber“: Man muss schon ein miserabler Autor sein, lässt man sich eine solche krude Kausalität durchgehen. Oder man möchte ganz contre coeur etwas insinuieren. Gerhard Richter, Ema (Akt auf einer Treppe), 1966, Öl auf Leinwandm 200 cm x 130 cm Jedenfalls wird dadurch Schlinks neues Buch, dessen Cover ganz unschuldig eine Landschaft des allerdings überhaupt nicht unschuldigen Francis Picabia ziert, auf einschlägige Weise interessant. Irene ist die Frau auf der Treppe, ihr damaliger Mann, ein Kapitalist, wie er im Buche steht, hat sie vor vierzig Jahren nackt im Stiegenhaus porträtieren lassen; im Atelier hat sie sich allerdings in den Maler verliebt und ist mit ihm durchgebrannt; ein Rechtsanwalt sollte schlichten, er ist der Ich-Erzähler, und natürlich hat er sich seinerseits in Irene verknallt. Er ist der tumbe Tor des Plots (Irene nennt ihn „Parzival“), denn als einziger hat er es nur auf die Frau abgesehen, während die beiden anderen in schönem Pas-de-Deux abwechselnd Darstellung und Dargestellte anschmachten. Irene setzt sich ab nach Übersee, nimmt das Gemälde mit, und lässt es schließlich in Sydney ausstellen, was den Verlauf der Story nun nach Australien und in die Gegenwart trägt. Schlink hat einen Ruf zu verlieren, und so versucht er sich natürlich in der Technik der Bild- als Weltbeschreibung. Ganz am Anfang nimmt er sich das Werk vor, findet die Frau „nackt, blaß, blond“ und arbeitet sich vor zum Diktum „sinnliche Gewichtigkeit“. Am Ende dann das Memento Mori: Vierzig Jahre später und in der Realität der Literatur geht die Bewegung weiter, Irene kommt am Fuß der Treppe an und stürzt dem Erzähler in die Arme, nackt, hinfällig,todgeweiht. Ein wenig Dorian Gray-Pathos ist bei dem Thema unvermeidlich. Der Kapitalist, wie Schlink ihn schildert, ist ein rechter Verfechter des Posthistoire. „Die Geschichte geht weiter“, sagt er, „aber die Welt ändert sich nicht mehr“. Da erwidert der Maler: „Das klingt bleiern“. Und der Kapitalist: „Ist Ihre Kunst bleiern? Ich verstehe nicht viel von Kunst“. Vielleicht versteht Schlink selber nicht viel von Kunst. Aber ins Spiel zu bringen, dass womöglich auch Richters Oeuvre ein wenig bleiern ist, schlägt eine schöne Volte. Bernhard Schlink, Die Frau auf der Treppe, Zürich: Diogenes 2014

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