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Diese Woche: Manifesta

Wie jede Woche gab es auch in dieser einen Newsletter der Manifesta 10 auf den Mail-Account. Nichts Besonderes stand drin, sie findet nach wie vor in Sankt Petersburg statt, Programm und Begleitprogramm gibt es und die obligatorischen Talks mit den obligatorischen Kuratoren. Nichts Besonderes. Hat sich ja auch nichts getan weiter. Die Website immerhin hat sich zu drei Zeilen aufgerafft, die so etwas wie eine Neuigkeit ergeben: „Manifesta observes National Day of Mourning“. Gemeint ist die beeindruckend solidarische Trauer der Niederländer anlässlich der Überführung der ersten Särge jener Toten, die beim Flugzeugabsturz über der Ost-Ukraine, wie soll man sagen, zustande gekommen waren. Die Manifesta „beobachtet“ die Zeremonie. Ein wenig wirkt das wie auf Dürers „Marter der Zehntausend“ im Kunsthistorischen Museum, wo genüsslich geschildert wird, wie sich jede Menge Märtyrer den Hals brechen lassen, und in der Mitte steht der Künstler, einen Zettel mit seiner Signatur in der Hand, unbeteiligt, schulterzuckend: Was will man machen? Natürlich kann Russland jetzt nichts direkt für den Flugzeugabsturz, und man soll mit Vorverurteilungen und Schuldzuweisungen tunlichst an sich halten. Wofür Russland aber sehr viel kann, ist die Präpotenz der Soldateska, die sich auf das Abscheulichste um die Wrackteile aufgebaut hatte und in die Welt winkte. Man muss sich auf seinem angemaßten Terrain schon sehr sicher fühlen, um derartige politische, moralische und, ja auch, ästhetische Flurschäden anzurichten. Wer für diese Sicherheit gesorgt hat, steht außer Zweifel. Es ist der Schutzpatron auch der jetzigen Manifesta. Unter „Events“ hat die Manifesta-Website das folgende in petto: „In the wake of the annexation of Crimea in March 2014, ongoing political crises and calls to boycott Manifesta 10 we have been again confronted us with a classic political dilemma: engagement or disengagement? We have asked ourselves whether or not to continue and, if so, under what circumstances, facing what consequences and to what point? The situation of this and other Biennales that find themselves in the midst of political turmoil – like in Istanbul, Kiev or at the 7. Berlin Biennale – raises the questions about the ways in which curating and art production should continue in such circumstances.“ Die Chuzpe, mit der so getan wird, als ließen sich Umstände, die in der Ukraine zum Himmel stinken, mit solchen in Berlin oder auch in Istanbul vergleichen, ist typisch für gewisse Unverschämtheiten des Kunstbetriebes. Im Namen der „Art“ werden narzisstische Umtriebe zu generellen Interessensgebieten erklärt und der eigene Opportunismus umgewertet zum Ausloten der Grenzen dessen, was Kunst sein soll. Die obigen Zeilen standen am Anfang der Woche, als die Auftritte der Plünderer von Putins Gnaden längst um die Welt gegangen waren, noch an prominenter Stelle der Manifesta-Website, nämlich unter „Latest news“. Irgendeine Eingebung muss bewirkt haben, dass man es von dort jedenfalls herausnahm. Liebe Manifesta: Irgendeine Eingebung sollte jetzt bewirken, dass Ihr Euch auch herausnehmt: Ganz, aus Russland. manifesta.org (Zur Manifesta ist am 25.03.2014 ein weiterer Blogbeitrag von Rainer Metzger erschienen)

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