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Digest

Vor vier Jahren habe ich an dieser Stelle ausgiebig das Rijksmuseum in Amsterdam gelobt (Blog vom 30.05.2010). Das war geschlossen, der anberaumte Termin der Neueröffnung war schon zwei Jahre überzogen, doch zeigte das Haus seine Schätze auf berückend konzentrierte Weise in einem Pavillon nebenan. Das Rijksmuseum ist weniger ein Welt- als ein Nationalmuseum, sie haben eigentlich nur Holländer, doch die dafür in aller Repräsentativität. Vielleicht Hundert der Vorzeigestücke gab es also zu sehen, das Goldene Zeitalter als begehbarer Bildband. Mit fünf Jahren Verspätung hat das Rijksmuseum 2013 wiedereröffnet, und die Erneuerung wurde allenthalben gelobt. Man betritt es jetzt vom Souterrain, als wäre es der Louvre. Von ihm wurde offenbar auch die Idee der Innenhöfe übernommen, die es jetzt plötzlich gibt und die das Haus zu einer doppelten Vierflügelanlage machen, als wäre es das Kunsthistorische Museum. Zugunsten der Verkehrs- und Verkaufsflächen stehen jetzt entsprechend weniger Galerieräume zur Verfügung, und die ganzen Zimelien sind an einem einzigen Ort zu finden, der großen Passage im Obergeschoss, die immer schon „Ehrengalerie“ hieß. Hier ist mehr oder weniger ausgestellt, was während der Schließphase im Pavillon zu sehen war, doch aus dem seinerzeitigen Best Of ist ein Digest geworden, eine Kurzfassung für den schnellen Gebrauch. Verschwunden ist die Fülle, die einen Eindruck vermittelte von dem Überfluss und dem schönen Schein, der sich speziell im 17. Jahrhundert angesammelt hatte. Wer Kapazitäten frei hat, kann noch die Seitentrakte durchmessen, in bunter Mischung stellen sich einige Bilder vor, Schiffsmodelle, Puppenhäuser, Mobiliar und Accessoire als Ausstattungsstücke ihrer Zeit. Das Rijksmuseum ist jetzt auch weniger ein Kunst- als ein Geschichtsmuseum. Man könnte meinen, nach der Stadt Amsterdam habe nun auch deren bedeutendstes Museum vor dem Billigtourismus kapituliert. Geschäfte werden mit Vorverdautem gemacht, und es ist sekundär, ob dabei Essen oder Kultur gehandelt werden. Doch gegen das Kalkül mit den Fast Food-Reisenden spricht, dass auch die Einheimischen ganz bei der Sache sind und ihr Museum in der verdickten Fasson gern haben. Womöglich kommt doch eine Eigenart zum Tragen, die Simon Schama in seiner Kulturgeschichte der Niederlande im Goldenen Zeitalter beschrieb: Mit zunehmendem Wohlstand glaubte man seinen Augen nicht zu trauen angesichts des Prunks, und es galt, ihn zurückzunehmen, zu moralisieren, ihn einzubetten in eine soziale Ordnung. Die vielen Bilder waren Ausdruck sowohl des Reichtums als auch des Versuchs, ihm einen sinnfälligen Gebrauch zu geben. So etwas passiert in der Tat im heutigen Rijksmuseum: Die Werke dürfen nicht nur Monumente sein, Augenkitzel und hedonistischer Verwöhner; sie werden eingedickt zum Dokument, werden Erklärer und Vermittler von Ethos und Identität. Dazu passt, dass das Museum momentan Alain de Botton und seinen Philosophenfreund John Armstrong zu einer speziellen Intervention eingeladen hat. De Botton, der Dampfplauderer über Gott und die Welt mit entsprechenden Auflagen seiner Bücher, und sein Kompagnon haben den Räumen überdimensionierte Post-Its appliziert, gelbe Zettel mit Texten, die eine Art Memo enthalten, das sich als Memento Mori versteht. „Art is Therapy“ heißt die Veranstaltung, dutzendfach werfen sich die aufdringlichen Handreichungen neben den Exponaten in die Brust. Sie sind Ermahnungen, wollen Hilfestellungen sein vom Ästhetischen hinein in den Rest der Welt, und sind dabei doch dumme Besserwissereien. „Art should heal us“, heißt es etwa, „it isn't an intellectual exercise, an abstract aesthetic arena or a distraction for a Sunday afternoon“. Dass Kunst auch Vorwand für Geschwafel sein kann, wussten wir bereits. Ein Vorwand für Vorverdautes: auch hier also ein Digest. PS: Adrian Searle, der Kunstkritiker des „Observer“, hat der Installation einen Generalverriss angedeihen lassen. Zur weitergehenden Lektüre: Art is Therapy

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