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Narben

Auch ein Schauspiel: Immer wieder am Vormittag, gegen zehn, kommen die Maschinen, begleitet vom typischen Brummton, über das Wasser gepflügt, sie fliegen tief, wie Hubschrauber es so machen, das Flussbett des Rheins entlang, um dann einen Sendemast als Geländemarkierung zu nehmen, scharf nach links abzubiegen und Kurs auf Wiesbaden Erbenheim zu nehmen, das Hauptquartier der US Army in Europa, seit Heidelberg im Jahr 2011 aufgegeben worden ist. Es sind die mythischen Apparaturen, Black Hawks, die in den Kriegen eingesetzt werden, die es eigentlich nicht mehr gibt, weil nur noch wilde Kämpfereien gegen Warlords und sonstige Fanatiker auf dem Plan stehen. Eigentlich dürfte es auch keine Gefallenen mehr geben, keine Verwundungen und Verstümmelungen, denn die Kriege der Nachkriegsordnung werden von der Luft aus geführt. Seit Vietnam verlieren die freien Gesellschaften ihre militärischen Konflikte zu Hause, deswegen wird beflissen so getan als wären sie Geschichte. Werden sie Gegenwart, im Irak, in Afghanisten, wer weiß wo sonst noch, kommen die Opfer – jene der Streitkräfte, die zivilen bleiben, wo sie sind - in eine Einrichtung, in der sie nach allen Regeln der medizinischen Kosmetik wieder hergerichtet werden. Das größte Lazarett der US Army außerhalb der Vereinigten Staaten befindet sich im rheinland-pfälzischen Landstuhl; dort werden die Operationen bewerkstelligt, die in den Heimatgegenden der Soldaten doch mit ganz anderer Aufmerksamkeit bedacht würden. Agnès Geoffray: Gueule cassée I and II, 2011, from the series Incidental Gestures, 2011–2012, 34 × 30 cm (picture 14 × 10 cm), Photograph, inkjet print, museum archive paper Die Kunsthalle Mainz befindet sich auf ihre Art an der Schnittstelle der beiden außerterritorialen Orte des US Militärs. Vom Ausstellungsturm der Kunsthalle aus, vier Stockwerke über dem Zollhafen, kann man die Hubschrauber kommen sehen und den Knick verfolgen, den ihre Flugbahn macht. Mainz ist die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, auch Bitburg, wo einst ein wichtiger NATO-Flugplatz lag, und Ramstein, dessen Air Base Schauplatz einer der größten Katastrophen bei einem Flugtag war, liegen in dem Bundesland. Der Direktor der Kunsthalle Mainz hat sich bemüht, herauszufinden, was es mit diesen Orten und den Menschen, die hier notgedrungen zusammen kommen, auf sich hat. Man erfährt nichts Genaues. Der Umgang mit den Soldaten, die in den diversen Kriegen der letzten Jahre in Mitleidenschaft gezogen worden sind, ist, um das Mindeste zu sagen, klandestin. Sie unterliegen der Camouflage, Narben würden die Routinen, auch jene des massendemokratischen Einverständnisses, durcheinander bringen. Ganz anders war das zu jenem Zeitpunkt vor einem Jahrhundert, der jetzt allenthalben wieder aufgerufen wird, im Ersten Weltkrieg, als eine Menagerie von Entstellungen durch die öffentliche Wahrnehmung geisterte, als Propaganda gemacht wurde mit den nur noch halb vorhandenen Gesichtern, der Revue an Prothesen, all den Kriegskrüppeln, wie sie sich vor allem auch durch die Bilder von Dix oder Grosz präsent gehalten haben. Was kann die Kunsthalle Mainz anderes tun als all das zum Thema zu machen. „Les Gueules Cassés“ heißt die Ausstellung, und sie fragt nach den „Narben des Ersten Weltkriegs in der zeitgenössischen Kunst“. Man denkt dabei vor allem an Kader Attias Installation auf der letzten documenta, doch die fehlt, und sie hätte in ihrer Exuberanz die Nachdenklichkeit, das Fragende und Suchende der Präsentation aus der Balance gebracht. Diese Ausstellung hat eine Ikonografie und sie bietet sich, der Problemstellung sehr gemäß, in schwarz-weiß dar. Markus Schinwald, der Wiener Künstler, ist der Ko-Kurator. Besorgt wurde die Schau von artmagazine-Kommentator Thomas Trummer, der seit 2012 Direktor der Kunsthalle Mainz ist, jetzt seine fünfte Präsentation vorlegt und den Ruf, den er sich einst am Belvedere erworben hat, nämlich einer der besten Ausstellungsmacher der Gegenwart zu sein, eindrücklich bestätigt. www.kunsthalle-mainz.de

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