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Deutsche Milieus

Das wichtigste für eine Karriere ist der Titel. Diesen Satz kann man akademisch nehmen oder auch als Arrangement im Kulturbetrieb. Schon Marcel Duchamps steif methodischer Futurismus wäre im Niemandsland abgemalter Fotografie stecken geblieben, hätte er nicht, in großen Lettern ins Bild gerückt, versprochen, es sei ein „Akt“, der da die Treppe herabsteigt. Und Daniel Kehlmann musste nicht weniger als die „Vermessung der Welt“ in Aussicht stellen, um eben dieser Welt einen Erfolg zu bescheren. Dass er als Autor noch nicht ganz verloren ist, zeigt sich an seiner momentanen Weigerung, als Titel mehr zu liefern denn einen Buchstaben: „F“. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ ist ein wirklich schöner Titel. Florian Kessler hat damit für Furore gesorgt, und immer noch gibt das Feuilleton keine Ruhe damit. Kessler hat eine Schreibschule in Hildesheim absolviert, er muss zerknirscht einsehen, dass damit noch kein Wolfgang Hildesheimer aus ihm geworden ist, und versucht jetzt, seine Mittelmäßigkeit und jene seiner Mitabsolventen dem deutschen Milieu in die Schuhe zu schieben. Allzu viele, die glauben, schreiben zu müssen, seien in allzu saturierten Umgebungen aufgewachsen, meint er, und deshelb gäbe es nur miserable Literatur. Der Arztsohn, den er seinem in der „Zeit“ erschienen Artikel in die Überschrift rückt, kommt der Genialität immer schon ins Gehege. Mit dieser Feststellung scheint Kessler nun einen diskussionswürdigen Punkt erwischt zu haben. Maxim Biller hat sich sogleich zu Wort gemeldet: Es läge weniger an der Gegenwart als an der Vergangenheit, und man brauche nicht an der Homogenität verzweifeln, wenn man in den ominösen zwölf Jahren alles andere, alles Andere ausgemerzt habe. Ein wenig „Onkel-Tom-Literatur“ würde geduldet, in Refugien, wo dann die Außenseiter über Wiesen springen, und Biller, der gern die Antisemitismus-Keule hervorholt, unter die man sich auf den deutschen Kulturseiten dann gerne stellt, wäre ersichtlich gern ein wenig mehr Großschriftsteller. Dietmar Dath hat dann wiederum auf Biller zurückgegriffen, er scheint in seinem Oeuvre ohnedies um den einen Sachverhalt, der ihn immer noch mit Stolz erfüllt, zu kreisen, dass er nämlich in seinem kleinstädtischen Gymnasium mit sechzehn so etwas wie ein Radikalmarxist war. Auf seine Art bietet er das nun auch Biller an, denn schließlich ist man nicht an den fehlenden Beiträgen jüdischer Intellektueller sozialisiert, sondern an der sehr präsenten Internationale des jeweils Zeitgeistigen, sei es Pop, sei es Film oder was einem Pubertierenden so ans Gemüt geht. Dass sich auch die Rechten im Pop-Milieu wohl fühlen, ist, nun ja, Komplexität. Natürlich ist die deutsche Literatur der Gegenwart provinziell. Sie ist es durch die seit zwei Jahrzehnten mit ungeheurem Schwung vollzogene Enturbanisierung der Stadt, in der die Literaten alle leben und der sie ihrerseits mit ihren dörflichen Charakteren zu Leibe rücken. Berlin gibt die Metropole einer Gesellschaft ab, die die Zentralisierung längst verlernt hat, und das sieht man der Stadt, seien nun Schwaben oder welche Landsmannschaft auch immer für den Backlash ins Suburban-Subalterne verantwortlich, bis ins Mark hinein an. Und natürlich liest man das der Literatur an, die hier, an den Interferenzzonen von Idea und Ikea, entsteht. Mein Lieblingsschriftsteller der jüngeren deutschsprachigen Gegenwart ist Stephan Thome. Sein zweiter Roman, „Fliehkräfte“ erzählt das Roadmovie von einem, der den städtischen Eitelkeiten den Rücken kehrt. Sein Erstling, „Grenzgang“, spielt zur Gänze in einer hessischen Kleinstadt. Beide Bücher sind von einem durch und durch urbanen Realismus. Geschrieben oder wenigstens konzipiert hat Thome sie in Taipeh. Taipei bei Nacht. Foto: Flickr/umm

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