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Mobilisierung

Von der Umwertung der Katastrophe Vielerorts ist in diesen Tagen von Mobilisierung die Rede. Der Erste Weltkrieg drängt sich auf: Zerstörungsmaschinerie, gesteigertes Wettrüsten, sinnloses Hinschlachten, hysterische Begeisterung und noch nie dagewesene Opferzahlen. Der Term wäre wert, aus dem militärisch-martialischen Kontext in die Sprachgebäude der Kunsthistorie aufgenommen zu werden. Dort kam er nie an, anders als der Begriff der Avantgarde. Allein von Kinetik sprechen einschlägige Lexika, aber erst viel später, als abstrakte Formen bieder werden, sich gegenseitig gängeln oder niedliche Kreise drehen. Spätestens seit den 1950er Jahren ersetzt das Mobile die Mobilisierung. Tatsächlich sind Mobiles ein gemäßigt modernes Kammerformat, das in Flughafenlobbys und Firmenentrees beliebt wird. Mobilisierung ist jedoch der heftigere, der entschiedenere und auch historisch korrektere Begriff. Weit davon entfernt, nur zweckfreies Formenspiel zu bedeuten, besagt Mobilisierung ein umfassendes und schockhaftes Bewegen von Menschen und Massen, aber auch die Beschleunigung von Gesten, Formen und Programmen. Die Avantgarde mobilisierte sich, ihre Ideen und andere. Zudem beschreibt der Begriff die Lust zur Entscheidung, etwas, was radikale Kunst seit jeher anstrebt und Kunsthistoriker/innen seit jeher schwer fällt. Aus Angst, als Wissenschaft nicht gewürdigt zu werden, neigt besonders der akademische Sektor der Disziplin zur Abwägung. Das Räsonieren im Möglichkeitssinn ist jedoch nicht in allen Belangen gerechtfertigt. Besonders dann nicht, wenn Kunstwerke selbst die Entscheidung suchen.


Ernst Barlach, Der Rächer, 1914, Bronze, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarland.Museum Saarbrücken

Wer Ernst Barlachs „Der Rächer“, 1914 in der Bundeskunsthalle in Bonn betrachtet, sieht eine Skulptur als hinterhältiges Geschoß. Die Außenhaut geschliffen, mit einem Beil am Rücken, drängt sie nach vorne und setzt zum Schlag aus dem Hinterhalt. Die Haare sind vom Sturm nach hinten gerissen, das Postament abschüssig. Wäre nicht der theatralische Ernst dieser horizontalen Bronze-Allegorie, sie wäre nichts weiter als ein schneidiger Schifahrer auf rasanter Abfahrt. Doch das Pathos und die grimmige Selbstbeauftragung sind ironiefrei. Deutschland sieht sich im einem gerechten Präventivkrieg gegen vorausgegangene Aggression, so sagt der bekannteste Historiker zum Thema, Gerd Krumeich.

Die Avantgarden im Kampf“ heißt die Ausstellung in Bonn (noch bis 23.2.2014), die auf hohem Niveau den Reigen europäischer Katastrophen-Erinnerungen einleitet. Sie platziert sich in der ehemaligen Bundeshauptstadt am richtigen Ort. Generell zeigt sich der Weltkrieg in Deutschland unter anderen Vorzeichen. Das Dritte Reich sitzt in den Knochen. Es zwingt zu Gedankenarbeit, Trauer, Reflexion über Schuld und Verantwortung, in akademischen Fächern, ebenso wie in Politik und öffentlichem Bewusstsein. Der Erste Weltkrieg muss durch den Schuldvorhang des Zweiten erst wieder entdeckt werden. Das Geschichtsdenken in Österreich stellt sich anders dar. Das Land verordnet sich einen historischen Bypass. Widrigkeiten, Mitschuld und Holocaust werden überbrückt. Zugleich ermöglicht die Problemumgehung die frische Blutzufuhr für ein Langzeitgedächtnis zurück in eine Zeit, als Land und Stadt noch weltmächtige Geltung beanspruchen durften. Der Erste Weltkrieg ist laut dieser wohligen Wahrnehmung eine kulturelle Hochphase, Klimax nationaler Identitätsstiftung, Höhepunkt weltweiter Strahlkraft. Immer noch. Und so sind die Erinnerungsaktivitäten in Österreich geschmeidiger, die Bücher konsumfreundlicher, die Festveranstaltungen feierlicher. Nicht nur weil Wien als Stadt der Monarchie allgegenwärtig ist, auch weil der Erste Weltkrieg die Epoche nicht nur eines Endes ist, sondern auch eines Anfangs. Dieser Anfang ist neu zu denken, in der Kunst, in der Sprache, in der Politik, in der Kunstgeschichte. Er stellt sich weniger als Avantgarde, denn als Restauration dar. De facto setzt nach dem Kriegsende eine Diffamierung der Moderne ein. Die österreichische Kunst folgt einer Bewegung ins geografische Abseits. Stadtflucht, Innovationsresistenz und Weltfeindlichkeit werden jedoch nirgendwo ernsthaft erörtert. Ein öffentliches Aufmerksamkeitsdefizit legt sich über die Zwischenkriegszeit, ebenso ein akademisches. Allein der Kunstmarkt weiß die Produkte dieser Periode zu schätzen. Eilfertig tilgt er jedoch fragwürdige Spuren. Und deshalb ist das Buch von Rainer Fuchs immer noch lesenswert, eine Dissertation geschrieben in den späten 80er Jahren, ein großartiger wie präzise recherchierter Versuch, den problematischen Übergang und seine Sprachkultur nüchtern zu verzeichnen. „Apologie und Diffamierung“ erzählt von der Emphase der neuen, waghalsigen Kunst und ihrer Nietzscheanischen Rhetorik bis hin zur gedrungenen Bäuerlichkeit, Kärntner Einsiedelei und beginnenden völkischen Beobachtung. Es ist ein Buch, das sprachlich die Mobilisierung fasst, als Vorwärtsbewegung wie als konservative Schutzbehauptung.

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--> Link zur Ausstellung " Die Avantgarden im Kampf"

Lit: Kitschen, Friederike u.a.: 1914. Die Avantgarden im Kampf, Ausst. Kat. Kunst- und Ausstellungshalle Bonn 2013, Köln: Snoek 2013
Fuchs, Rainer: Apologie und Diffamierung des „Österreichischen Expressionismus“ Begriffs- und Rezeptionsgeschichte der Österreichischen Malerei 1908 bis 1938, Wien/Köln: Böhlau 1991.

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