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Palindrom

Die Gemäldegalerie in Berlin ist von mir schon des Öfteren gelobt worden, weil sie von den Exponaten her zu den fünf bedeutendsten Pinakotheken der Welt zählt, von den Besuchern her aber gerade mal zu den zehn stärksten in Deutschland. Im Moment zeigen sie ein Extragemälde, es stammt von dem Renaissancekünstler Guillaume de Marcillat, das deshalb so bemerkenswert ist, weil der Meister ansonsten auf Glas arbeitete. Das Werk stellt auf panoramatischen drei Metern Breite diverse Kirchenväter vor, wie sie sich die Köpfe heiß reden über die in der Tat schwer verständliche Unbefleckte Empfängnis. Vor lauter Disput kommen sie nicht dazu, die nackte Dame in ihrer Mitte zu bewundern, die gerade von einer Schlange mit Menschenkopf den Apfel der unerlaubten Verlockung entgegen nimmt. Es handelt sich offenbar um Eva, auch wenn das Thema der Herren sich deutlich um Maria rankt. Doch die, das stellt die paradiesisch Ungehorsame als ungehöriges Vis-à-vis vor Augen, war durch ihre jungfräuliche Geburt eben frei von aller Sünde. Guillaume de Marcillat Der Disput von Kirchenlehrern über die unbefleckte Empfängnis, 1528/29 Pappelholz, 154,5 x 312,5 cm © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Foto Jörg. P. Anders Seit man ihr die Verschleppung auf die Museumsinsel androhte, bemüht sich die Gemäldegalerie offenbar um forcierte PR-Arbeit. Und so ist man für die Präsentation von Marcillats Memento auf folgenden Titel gekommen: „Ave Eva“. Das ist unter anderem der Begriff für ein Modelabel, und es ist der Titel eines Musicals, das ein Komponist geistlicher Lieder, der unter dem wiederum schön kunsthistorischen Namen Peter „Piet“ Janssens arbeitete, in den Siebzigern veröffentlichte. Vor allem ist Ave Eva aber ein Palindrom. Damit sind wir endgültig dort, wo die Gemäldegalerie immer schon hinwollte: Bei der Kunst. Betritt man das Kunstmuseum Liechtenstein, sieht man gleich am Eingang rechts an der Wand einige Emailtafeln, die, natürlich, käuflich zu erwerben sind. Sie kosten um die 200 Franken und sind Repliken jener an Straßenschilder gemahnenden Träger von Schrift, denen André Thomkins, der Meister des Faches, seine Palindrome applizierte. „Nie Reime, da kann Akademie rein“ steht etwa zu lesen, „Strategy: Get Arts“, wäre ein Klassiker oder das alle Künstleridentität auf den Punkt bringende „Dogma: I am God“. Für Leute vom Fach auch: „freibier! freibier! freibier! f...“ Thomkins sprudelte unaufhörlich. Nee, die Ideen. Daniel Spoerri, seinerseits einschlägig interessiert, hat Thomkins 2011 in seinem Ausstellungshaus Referenz und Reverenz erwiesen Das heute selbstverständlich nicht mehr erlaubte „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“, das angeblich von Arthur Schopenhauer stammt. Nur du, Gudrun. Legeregel oder Lagerregal, bisweilen gilt: Es sind Ödnisse. Silbenpalindrome gibt es auch, Oscar Pastior war Spezialist dafür; nicht weniger als ein Buch hat er mit seinen „Gedichten in Palindromen“ gefüllt: „Kopfnuß Januskopf“. Darin zum Beispiel dann ein wunderbares Tacituszitat. Marcel Duchamp gab sich bei seinem berühmten Pissoir den Nachnamen Mutt. Im Jahr darauf ließ er sein letztes Gemälde entstehen. Dessen Titel: „Tu m'“, und schon ergibt sich, über die Monate hinweg, die Symmetrieachse. Duchamps letztes Gemälde: Dessen angestammter Ort ist ab jetzt Berlin. www.smb.museum

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