Werbung
,

Günther Förg 1952 - 2013

Sein Leben lang, das ist ein Axiom, wird man die Kunst nicht los, die aktuell war, als man zu denken anfing. Beim jeweils Zeitgenössischen holt man sich die Kriterien für das eigene Sinnieren, und diese Kriterien bleiben einem, ob man will oder nicht, treu. Ich kreise in meinem Katalog um die Jahre um 1980, und die Leuchtkästen Jeff Walls, die Pavillons von Dan Graham, die Modellbauten von Thomas Schütte und Ludger Gerdes oder die Fotos von Candida Höfer sind so etwas wie das Nonplusultra. Alle diese Positionen betrieben ihre spezielle „Art After Modernism“, wie Brian Wallis seinen Sammelband von 1984 zu den damals neuen Tendenzen betitelt hat, eine Postmoderne, die so modern ist, dass sie sich für Reflexion nicht zu schade war. Zudem waren sie in einer gemeinsamen Galerie daheim, bei Rüdiger Schöttle in München, und das machte sie nur noch stringenter. Zum Nonplusultra bei mir gehören auch die Arbeiten von Günther Förg. 1980 stellte er bei Schöttle zum ersten Mal aus, kennen gelernt habe ich ihn vier Jahre später, als er mit einer raffinierten Inszenierung von Fotografien unter dicken spiegelnden Gläsern eine Art Panorama der Blickbezüge durch den Kunstraum München spannte. Förgs Kunst nach dem Modernismus begann mit dem Lichtbild, der italienische Rationalismus und insgesamt das funktionalistische Bauen der 20er sind Fixsterne seines fotografischen Kosmos geblieben. Was hat er nicht seinen Untersuchungen zu den Ismen der orthodoxen Avantgarden eingeordnet. Es ging um das Ordnungsprinzip schlechthin der protestantischen Ästhetik, das Gitter, den Grid, den er, ganz der bayerische Schwabe, als der er in Füssen zur Welt kam, mit der gewissen Farbigkeit der Lüftlmalerei versetzte. Es ging um Materialsensibilitäten wie bei seinen Blechen aus Blei oder seinen Bronzen, und es ging um die Farbfelder der Abstraktion, um die Streifen und Monochromien, die er mit einer Art Charme ausstattete, wenn sie eben nicht perfekt, nicht randlos und penibel Naht an Naht gerichtet daherkamen. Es ging um Bilder, und, wie es bei Douglas Crimp in eben dem Sammelband „Art After Modernism“, präzise heißt, um die „ways of staging a picture“. Ein Bild auf die Bühne stellen: Das war es, und das hatte zum einen die Theatralik und zum anderen das pure Piktorale, jene beiden Prämissen, die bis heute ganz oben auf den Listen der Debattenbeiträge stehen. Günther Förg war kein einfacher Mensch. Es kam schon vor, dass er zu vorgerückter Stunde die Hose abstreifte, einen zur Sau machte und die Rotzigkeit der Hetzler Boys, zu denen er nicht minder demonstrativ als Kippenberger gehörte, heraushängen ließ. Doch er war auch einer, auf dessen Hilfe man zählen konnte, und als die Galerie Christoph Dürr, die zwei meiner Studienfreunde führten, wieder einmal Geld brauchen konnte, gab es ganz selbstverständllich eine Benefiz-Schau von ihm. Ich habe auch profitiert: Dass man mich sehr bereitwillig in die Infrastrukturen des Kunstbetriebs hineinschmecken ließ, habe ich nicht zuletzt Günther Förg zu verdanken. Diejenige ästhetische Haltung, die Förgs Skala vielleicht am deutlichsten nach oben ausschlagen ließ, stammte von Giuseppe Terragni, dem Architekten des italienischen Faschismus. Dessen Casa del Fascio in Como hat Förg wieder und wieder in Augenschein genommen. Terragni hat auch das Danteum geplant, ein Mausoleum eben für Dante, den Erfinder des Prinzips literarische Rache. In seiner Divina Commedia hat Dante auch erstmalig vorgeführt, wie das Jenseits aussieht, wenn sich in ihm die Erdlinge treffen. Vorher hatte man im Himmel Gottesschau betrieben, jetzt gibt es ganz privat Wiederbegegnung und man feiert miteinander Ewigkeit. Günther Förgs 61. Geburtstag am 5. Dezember ist sein Todestag geworden. Im Sinn der Göttlichen Komödie möchte ich ihm zurufen. Wir sehen uns, wo auch immer das ist, wieder.

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
Förg
M. + A. Hirsch | 10.12.2013 05:09 | antworten
Herzliches Beileid, lieber Rainer.
Und Förgs Bilder?
Carl Mayer | 15.12.2013 12:03 | antworten
Auch wenn das jetzt von Ihnen als unpassend empfunden wird, Förgs Arbeit empfand ich immer als eher kraftlose Malerei. Seit über 20 Jahren schaue ich ihm schon genau zu. Würde unter seinen kraftlosen Bildern ein Frauenname stehen, wäre er genau nirgends hingekommen in diesem Kunstmarkt ... Sorry, ich fürchte, er wird keinerlei Gnade vor der Geschichte finden und nicht übrig bleiben.

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2023 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: