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Morrissey

2006 setzte ihn das Publikum der BBC auf Platz zwei in der Liste der „greatest living British icons“, geschlagen nur von David Attenborough, dem Tierfilmer, der immer gewinnt. Längst also ist Steven Patrick Morrissey, der sich allein per Nachnamen nennen lässt (weshalb er für seine Covers gerne Bilder von Warhol-Regisseur Paul Morrissey übernimmt), ein Klassiker. Da nimmt es nicht Wunder, wenn die Autobiografie, die am Wochenende mit dem schlichten Titel „Autobiography“ in Britannien erschienen ist, unter den „Penguin Classics“ firmiert. Morrissey darf sich seinen „Imprint“, so spöttelte der Guardian, mit „Ovid, Plato and the good old Thomas Hobbes“ teilen. Aber genau da wollte Morrissey immer schon hin. Wo er auch hinkam: auf Platz eins der Verkaufshitparade, und zwar sofort. Zweifellos ist er eine der größten Figuren der Pop-Historie, und die alte Legende von der Nachbarschaft von Genie und Wahnsinn feiert bei ihm die obligatorischen Urstände. Wenn er mit Gladiolen ins Konzert kam, wo die Punks schon warteten, ihm die Bierflasche überzuziehen, kann man das noch als strategischen Versuch der Deeskalation werten. Wenn er seine drei Kollegen von den „Smiths“nach dem Auftritt zu Nussbraten mit Broccoliröschen trieb und sie sich zu McDonald's wegstehlen mussten, dann legte er indes ganz freimütig offen, was seine totalitäre Facette war. Er ist ein begnadeter Texter, ein „Pensmith“, wie die Briten sagen, aber sein Vegetarier- oder besser: Anti-Karnivoren-Manifest „Meat Is Murder“ zu Johnny Marrs wunderbarer Melodie ist eindeutig too much für ein Geschäft der Libertinage, das auch seines ist. „The Queen is Dead“ ist bis heute die Hymne schlechthin auf die Madam schlechthin, und sie stünde ärmer da ohne Morrisseys 1986er Beitrag zur Mediengeschichte der Monarchie. Wer eine Programmschrift braucht zum Prinzip Appropriation in der Gegenwartskultur, singe Morrisseys „Cemetry Gates“ (sic!) nach. Wer wissen will, wie die Unterhaltungsindustrie mit ihren Protagonisten verfährt, studiere „Paint A Vulgar Picture“. Und wer ein Grablied braucht, womöglich fürs eigene Ableben, für den gibt es nichts besseres als sein „There Is A Light That Never Goes Out“. 1991, da war er schon solo, hat er „That's Entertainment“ gecovert. Paul Wellers wunderbarer Gang durch die Großstadt, 1980 mit „The Jam“ festgehalten, listet auf, was alles Unterhaltung ist für einen, der aus dem einschlägigen Milieu kommt: zersprungenes Glas, zwei, die sich küssen, beim „scream at midnight“ oder der Wunsch, ganz weit weg zu sein. Morrisseys Version ist, natürlich, viel mehr educated, der Slang ist weggefallen und die Liste der urbanen Schrammen ist viel kürzer. Die letzten Zeilen gibt es so auch nicht bei Weller, sie lesen sich folgendermaßen: „Read graffiti of slash-seat affairs/splattered walls and a kick in the balls/ is all that you get in the name of entertainment“. Bei Weller gibt es keine Reime, Morrissey fügt einen ein, den entscheidenden, letzten, noch dazu als Binnenreim. Walls zu balls. So wird man ein Klassiker. Morrissey, Autobiography, London: Penguin Classics 2013

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