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„Heute erging sich Goethe in Schmähungen gewisser Kritiker, die, sagte er, Lessing völlig mißverstanden hätten. Er sprach bewegend darüber, wie solche Beschränktheit Lessings letzte Jahre zum Teil verbittert habe, und spekulierte, daß, da Lessing sowohl Kritiker als auch Dramatiker gewesen sei, diese Angriffe mehr als gewöhnliche Grausamkeit enthielten. Kritiker, sagte Goethe, sind der zersprungene Spiegel im großen Ballsaal des schöpferischen Geistes. Nein, sagte ich, sie seien vielmehr das zusätzliche Gepäckstück auf dem großen Cabriolet begrifflichen Fortschritts. Eckermann, sagte Goethe, halten Sie das Maul.“ Mit diesen derben Worten lässt der amerikanische Schriftsteller Donald Barthelme seine 1983 erschienenen „Gespräche mit Goethe“ enden. Gerade sind sie mir wieder zugefallen, ich sollte ein Grußwort schreiben für einen kleinen Kunstverlag, der sich nach einer fiktiven Figur namens Mark Pezinger benannt hat (www.markpezinger.de). Diesen Pezinger galt es anlässlich der Herausgabe eines ersten Katalogs der Publikationen zu ehren, und wer wäre als Wortspender geeigneter als der Meister allen Schreibens mitsamt denjenigen, die sich ihm, nun ja, verschrieben haben. Barthelmes sehr aufs Metaphorische und seine Verballhornung erpichte Prosa macht sich ihren Reim auf das historische Werk gleichen Titels, in dem Johann Peter Eckermann jedes einzelne Wort des Olympiers auf die Goldwaage legt und es der minutiösesten Überlieferung für wert befindet. Im Rahmen einer der Soireen, wie Goethes Adlatus sie für die Nachwelt festhält, könnten Barthelmes Kunstsprüche tatsächlich gefallen sein. Jemand, dem ein verbürgtes „Schlagt ihn tot, es ist ein Rezensent“ entfahren ist, hatte nicht die beste Meinung von Personen und Phänomenen der Kritik. Goethe bzw. sein maliziöser Adept Barthelme hatten also schon recht, als sie Eckermann in die Schranken wiesen: Zum begrifflichen Fortschritt hat die Kunstkritik wenig beigetragen. Erstens glaubt man sowieso nicht mehr daran, dass Erkenntnis etwas anderes beflügeln könnte als eben Andersheit; Progressionen sind heutzutage, um das Wenigste zu sagen, ein Rätsel. Zweitens hat die Kritik, sofern sie die diversen Gruppierungen, Bestrebungen, Bewegungen, die Ismen und Zirkel der Moderne begleitete oder auf den Weg brachte, zur Diversifizierung beigetragen, zur Unübersichtlichkeit und zur Cliquenbildung; wo aber wäre eine Entwicklung zu finden? Drittens schließlich, und wenn man schon von einem Verdienst reden darf, hat sie oftmals Begriffe gefunden und Termini auserkoren, die ab dem Moment, wo sie gleichsam vom Himmel gefallen kamen, vorhanden waren als unumgängliche Bezeichnungen, als Schlagworte sozusagen. Von Goethe zum Beispiel stammt das Diktum von der „Idiosynkrasie“ - er wandte es auf Füssli an -, oder er bestimmte die „Buchstäblichkeit“ der Kunst: An der Triftigkeit dieser Begriffe ist seit 200 Jahren dann auch nichts mehr zu ändern. Man hat, bedient man sich ihrer als ferner Nachfolger, entweder die Möglichkeit zu wissen, woher sie stammen, oder es nicht zu wissen. Immerhin wird man beim eigenen Ringen um das adäquate Wort irgendwann gewahr werden, wie nützlich sie sind.

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