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Deutungshoheit

In Wien ist momentan der Talk of the Town des Kunstbetriebs die Veranstaltung, mit der Nikolaus Schafhausen seine Direktorenschaft in der Kunsthalle auf den Weg bringt. „What Would Thomas Bernhard Do“ heißt sie PR-gestählt auf Englisch und versetzt mit einem starken Namen. In zehn Tagen sollen hundert Veranstaltungen eine andere, zeitgemäßere, immaterielle Form von ästhetischer Produktion vorführen, was einschlägigerweise nichts anders ist als ein Theater der Theorie. Viele Leute reden, und am interessantesten ist weniger, was sie reden, als wer diese Leute sind. Zunächst sind es viele Lokalmatadoren. Der neue Chef scheint virtuos auf der Klaviatur jenes Mechanismus zu spielen, mit dem man immer schon Politik machte. Inklusion und Exklusion wird also gegeben, und diejenigen der Wiener Szene, die im Reigen der Auftritte dabei sind, dürfen sich schon mal gemeint vorkommen in ihrer Relevanz für was auch immer. Diejenigen, die wiederum nicht dabei sind, werden es entsprechend ihrerseits vernommen haben. Dann gibt es ein paar Namen, die selbstermächtigt oder weil sie vielfach in den Feuilletons vorkommen der Ansicht sein können, sie besäßen, was Georg Simmel einst die „Deutungshoheit“ nannte. Peter Sloterdijk mischt also mit, Thomas Meinecke, Robert Pfaller, Robert Menasse, meistens Herren, meistens um die Fünfzig aufwärts, von deutscher Muttersprache oder zumindest solcher Kompetenz, was beispielsweise auch für ein momentanes Hätschelkind des viel Daherredens, Byung Chul Han, gilt. Deutungshoheit. Vor einigen Jahren sprach Wolfgang Frühwald, der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft DFG, davon, dass die deutschsprachige Akademikerriege in genau zwei Disziplinen Weltgeltung beanspruchen dürfe: in der Archäologie und in der Kunstwissenschaft, die jetzt eine Bildwissenschaft ist. Womöglich war das einmal so. Und womöglich hat das einen auch einmal interessiert. Die Veranstaltung in der Kunsthalle gibt mir jetzt die Gelegenheit zu einer Feststellung, die genauso auch zu einem anderen Anlass hätte getroffen werden können. Sie geht so: Noch nie war die historische und zeitdiagnostische Wissenschaft so gut wie heute. Sie hat indes nichts mit deutscher Sprache zu tun, und von Frankreich, das einst ja das gelobte Land des Aufladens mit steilen Thesen war, kommt schon gleich überhaupt nichts mehr. Die einschlägige Wissenschaft lebt vielmehr von den Engländern. Die Biografik von Nicolas Boyle, Peter Heathers Studien zur späten Antike und zum frühen Mittelalter, Ian Kershaws Arbeiten zur NS-Zeit oder Terry Eagletons Untersuchungen zur Ideologie setzen die Standards. Demgegenüber sind die Performances, wie sie in der Kunsthalle Wien stattfinden, Dampfplauderei. Aber womöglich ist das ja auch so beabsichtigt. Sonst käme der Aspekt des Theatralischen zu kurz.

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