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Heuchelei

Heuchelei, so heißt es bei dem französischen Moralisten La Rochefoucauld, ist eine der Tugend dargebrachte Schmeichelei. Sie ist ein Laster, wenn auch bisweilen als lässliches erachtet. Von allen Sünden ist sie jedenfalls die weit verbreitetste, und nie war sie so häufig wie heute. Es ist geplant, an dieser Stelle immer wieder auf sie zu sprechen zu kommen. Fangen wir an mit drei Beispielen – und es sind wirklich nur Beispiele - aus dem Österreichischen (den Problemkomplex „Anschluss“, bei dem die Heuchelei natürlich die buntesten Blüten treibt, lassen wir für den Moment weg). Armin Wolf hat ein Buch über den Qualitätsjournalismus geschrieben. Wolf ist, was man einen Anchorman nennt, er sagt im Fernsehen augenzwinkernd und immer schon wissend die Nachrichten an und fühlt den zahlreichen Interviewpartnern auf den Zahn. Es geht bergab mit der guten Recherche, führt Wolf in seinem Buch aus, und offenbar spricht er viele damit an. Er arbeitet für den ORF. Das wiederum ist genau der Sender, der vordringlich dafür verantwortlich ist, dass es bergab geht mit der Recherche. Natürlich schiebt Wolf den Niedergang dem Boulevard in die Schuhe, doch den gab es schon immer. Was neu ist, wäre doch eher jenes Internet, das die Leute benutzen, kostenlos natürlich, und damit die guten Zeitungen in die Zange nehmen. Man müsste bezahlen für gute Geschichten auf den Websites der Presse, doch das ist unmöglich, weil da eine Anstalt in der Mitte hockt, die ihre Meldungen den Lesern hinterherwirft und hausieren geht mit der glücklich hohen Zahl der Visits. Der Rundfunk, die Instanz schlechthin öffentlich-rechtlicher Zwangsbeglückung, gebührenfinanziert und immer schon reich bestallt, gräbt dem Qualitätsjournalismus das Wasser ab. Und eines der Aushängeschilder dieses Rundfunks darf darüber lamentieren. Ecowin, die erstaunliche Erfolgsgeschichte auf dem Sachbuchmarkt, schreibt sich nun unter den Fittichen des Herrn Mateschitz weiter. Der Red Bull – Trust war wieder einmal unterwegs in Sachen Image-Politur, und tatsächlich ist Ecowin ein guter Verlag. Der Eindoser vom Dienst betreibt auch Servus TV, und er betreibt eine gleichnamige Illustrierte, in der sich verschneite Gebirgslandschaft an herbstliche Weingegend reiht und die Häuschen sich ins Holz vor der Hüttn werfen in trautester Heimatlichkeit. Ein Konzern, der die Welt mit der gleichmacherischsten Soße, die je den Gaumen beleidigt hat, überflutet, macht per bunten Bildchen auf Nachhaltigkeit, Langsamkeit und die Segnungen des Guten-Wahren-Schönen. Das darf jetzt auch noch per Buch verbreiten. Mario Gomez hat binnen zehn Minuten einen Hattrick gelandet, letzten Dienstag, im deutschen Pokal. Unter den geschätzten drei Millionen Aufnahmen, die zu diesem Anlass von Gomez entstanden sind, hat der Standard rein zufällig ein Foto gefunden, auf dem der Stürmer gezeigt wird, wie beim Jubeln ein rechter Arm zustande gekommen ist, der zwar leicht angeknickt ist, aber erhoben. Die Bildunterschrift, die man dazu formulierte, sagte nichts Spezielles. Das überließ man den Postern, die den unbedingten Reflex einschalteten und wie immer, wenn sie einen Deutschen sehen, einen Hitlergruß dingfest machten. Der Standard kann natürlich und sowieso überhaupt nichts für solche Assoziationen, das ist Sache der Foren, die man so weit wie möglich frei zu Werke gehen lassen will. Der Standard ist schließlich eine Qualitätszeitung. Jetzt könnten wir wieder nach oben gehen, zum Herrn Nachrichtenmoderator Wolf.

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