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Künstler in der Stadt

„Kunst im öffentlichen Raum“ ist seit einigen Jahren – ich möchte fast sagen – in Mode gekommen. Vor Jahrzehnten hat es schon einmal lange Diskussionen über „Kunst am Bau“ gegeben mit wenig erfreulichen Ergebnissen, erst war die Rede von 1% der Bausumme für künstlerische Gestaltung bei öffentlichen Bauten, von Schulen bis Brücken (am besten bereits von Beginn der Planung an), dann wurde es immer weniger und weniger und als schließlich, die BIG (Bundes Immobilien Ges.) mit der Auftragsvergabe für die öffentlichen Gebäude betraut wurde, schlief das Ganze überhaupt ein, oder weitgehend jedenfalls. Aufgescheucht aber durch die Künstler, überhaupt durch die Verärgerung in der Kunstszene, dämmerte den Politikern, dass hier doch ein sozial- und kulturpolitisches Potential brach liegt, und dass Kunst im städtischen Raum nicht nur eine Frage der Kunstförderung oder Künstlersozialhilfe ist, sondern ein gesellschaftpolitischer, gleichwohl ein historischer Kulturauftrag. Wo wäre denn z.B. die Attraktion der alten Städte, wenn es nicht die Baukunst gäbe, die Plätze und Skulpturen, die zur sicht- und erlebbaren Geschichte der Stadt gehören, die die Kultur eines Landes, einer Stadt, ausmachen und um derentwillen die Touristen kommen. Trotzdem, oder gerade deshalb, die Diskussion über die Thematik und Sinnhaftigkeit von Denkmalen, sowohl der historischen wie der zeitgenössischen, wurde heiß geführt und ist längst nicht endgültig entschieden: liegen hier ästhetische, politische oder künstlerische Prinzipien zugrunde? Und wer entscheidet das? Gehören sie zu unserer Geschichte und lassen wir daher die Erzherzöge, Kaiser und Könige, Feldherren, Dichter und Heiligen aus den barocken und romantischen Jahrhunderten stehen, zerstören aber diejenigen aus jüngster Vergangenheit, die aus dem 1000jährigen Reich oder dem Kommunismus? Wie gehen wir also heute mit den Relikten von Vergangenheit und Gegenwart um, wie mit den Plätzen, mit den Gebäuden, man könnte sogar sagen, wie gehen wir überhaupt mit Kunst um, wenn sie nicht versteckt in Galerien und Museen ist, sondern öffentlich? Unbestritten ist jedenfalls, dass sich die Kunst am Bau, auf die modernen Gebäude, die Kunst im öffentlichen Raum auf die Plätze in den Städten konzentrieren – aber, dass in beiden Fällen der zeitgenössischen Kunst viel zu wenig Raum und Wert zugemessen wird. (Über den Unsinn, dass sich moderne Architekten gerne selbst als Künstler bezeichnen, soll hier nicht eingegangen werden). Als erfreuliches Ergebnis der Unsicherheit, wie man denn nun wirklich mit der Gestaltung von Plätzen umgehen soll, kam man nicht nur in Wien, aber besonders hier, auf die Idee Plätze temporär zu bespielen. Das ist nicht nur eine gute Idee, gibt immer wieder Anlass zur Diskussion über den künstlerischen Wert der Objekte und etlichen Künstlern die Möglichkeit sich mit dem städtischen Raum auseinander zu setzen. „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR) ermöglicht es also zeitgenössische Kunst direkt in den Alltag einzubinden und bietet der Bevölkerung die Chance Neues zu erleben. Das darf dann auch schon mal danebengehen, das Objekt ist lediglich temporär aufgestellt und man kann aus der Diskussion darüber Erfahrung und Erkenntnis schöpfen. Plätze sind ja nicht nur freie Flächen zwischen Häusern und Straßen, sondern Ergebnis städtebaulicher Planung, sie gliedern den städtischen Raum, schaffen Ordnung im Gewirr von Straßen und Gassen, aber sie sind wichtige Kommunikationsorte und Treffpunkte, sie geben der Stadt jenes urbane Flair, das wir so lieben, in Verona, in Madrid, in Paris. Leider hat sich eine Unsitte eingeschlichen, indem Plätze zu Schanigärten verunstaltet werden, die längst nicht mehr das sind, das wir im Süden lieben und suchen, sondern in den Außenraum verlegte Lokale mit meistens auch noch allerhässlichster Möblierung. Wer zu sehen versteht, muss erkennen, dass sich hier etwas breit macht, das ausschließlich dem Geschäftemachen dient und nicht den Ort berücksichtigt, den Raum betont, auf jeden Fall nicht die Urbanität schafft, für die der Platz eigentlich beispielhaft sein sollte. Aus der Fülle der Projekte, die in den letzten Jahren auf Plätzen in Wien temporär präsentiert wurden und werden, möchte ich zwei herausgreifen, die mir beispielhaft erscheinen: das ist der Klangpavillon „The Morning Line“ von dem New Yorker Matthew Ritchie am Schwarzenbergplatz, in der Nähe des Hochwasserbrunnes und des sog. Russendenkmals (siehe auch die artmagazine Kritik) und „Fallen Angel“ des in Dar-es-Salaam, Tanzania geborenen und in Wien lebenden Leslie de Melo vor dem Künstlerhaus, nahe dem Musikverein, am Karlsplatz. Beide Arbeiten geben dem Ort ihrer Aufstellung eine neue Dimension, lassen die Plätze neu erleben. So unterschiedlich von Form und Volumen sie auch sind, eines haben sie gemeinsam, sie sind transparent, schaffen Durchblicke und dadurch auch neue Einsichten über den Ort, betonen den Raum, gerade weil sie nicht wuchtige Skulpturen sind, sondern leicht wirken, der eine wie Scherenschnitte, der andere wie eine dreidimensionale Zeichnung. Ritchie arbeitet nicht nur mit dem Material, mit schwarz beschichtetem Aluminium, sondern auch mit Klang. Er untersucht die Möglichkeit „das Wechselspiel von Kunst, Architektur, Musik, Mathematik, Kosmologie und Wissenschaft zu erforschen“, wie er schreibt, und so steht dieses schwarze Riesenobjekt da, 10 Meter hoch und 20 Meter lang, und gibt der sonst ja schwer erträglichen und völlig danebengegangenen Gestaltung des Platzes plötzlich eine Haltung, eine Ernsthaftigkeit, eine Gliederung, so dass man sich wünscht es würde hier für immer bleiben. Zumindest sollte man diesen Platz weiter mit Kunst bespielen. Genau dieses Argument möchte ich auch für den Platz zwischen Künstlerhaus und Musikverein einfordern, wo zurzeit die „Fallen Angel“ von Leslie de Melo stehen. Gegen die Instabilität der Welt setzen solche Künstler wie Matthew Ritchie oder Leslie de Melo die eigene Stabilität, die, wie er sagt: „gegründet auf Inspiration und Phantasie und jenem anderen Blick, der aufmerksam macht, was es denn eigentlich ist, was uns so instabil macht und wo denn das Bewusstsein für innere Energie, die allein für Stabilität sorgt, gestärkt werden kann“. Es mag schon sein, dass solche philosophischen Gedanken des Künstlers schwierig zu verstehen sind, aber sie sind wesentlicher Teil der Gedanken von Kunst überhaupt und von Leslie de Melo im Besonderen. Er, der in mehreren Kulturen zuhause ist, geboren in Afrika, aufgewachsen in Indien, studiert und lebt er seit Langem schon in Österreich. Ich weiss nicht, wo sich de Melo „beheimatet“ fühlt, aber vielleicht sind es gerade diese verschiedenen Heimaten, die er bewusst (er)lebt, die seiner Kunst diese ganz eigene Poesie und Eleganz geben, dieses Wissen um das Wunder der Berührung von Himmel und Erde in einer ganz eigenen Wahrheit. Der gefallene Engel, 6.35 Meter hoch, aus geschweißtem Torstahl, steht auf dem Kopf, hat aber nichts mit Baselitz und dessen Idee, dass durch das „auf den Kopf stellen“ die Bilder gegenstandslos und damit abstrakt würden, zu tun, sondern ist als Metapher zu verstehen. Mit der Geburt, mit dem „in die Welt geworfen sein“, aber auch mit dem Ashtanga-Yoga, also mit Körperhaltung und Atem, mit der „Mitte des Menschen“, wo die Kräfte von unten nach oben fließen, von Außen nach Innen. Es fließen aber auch die Erinnerungen an die Bäume Afrikas ein, und die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers, die Dinge des Lebens „anders“ zu sehen, um aufmerksam zu machen, aber auch um neue Verbindungen herzustellen. Raffiniert in der (scheinbaren) Einfachheit der Skulptur, in ihrer Konstruktion und Zeichenhaftigkeit, in ihrer Durchsichtigkeit und der Öffnung zum Raum, entsteht Spannung zwischen fest und fließend, und man erkennt, dass es Leslie de Melo darum geht die Monumentalität aufzulösen, denn auch das Schwere gewinnt an Leichtigkeit, wenn man die Kräfte kennt.

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