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Cindy Sherman - That’s me – that’s not me: Von der Vielfältigkeit des Seins

Im Verlag Hatje Cantz erschien diese Woche ein bemerkenswerter Katalog: die Kunstsammlung des österreichischen Stromerzeugers Verbund legte unter ihrer Leiterin Gabriele Schor eine umfangreiche Recherche zum Frühwerk der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman vor. (1975 bis 1977) Parallel zu diesem Standardwerk sind auf mehreren Etagen im Verbund-Haupthaus Am Hof in Wien exemplarische Arbeiten der Künstlerin aus dieser Zeit zu sehen.

Cindy Sherman, deren Fotografien heute am Kunstmarkt Spitzenpreise erzielen erarbeitete sich bereits als Studentin am State University College in Buffalo systematisch ein künstlerisches Repertoire, das sich schon sehr bald zu einem tragfähigen künstlerischen Fundament entwickeln sollte. Prägend war in diesen Anfängen das selbstverwaltete Ausstellungszentrum Hallwalls in Buffalo, das von ihrem damaligen Partner Robert Longo mit Kollegen betrieben wurde und zahlreiche Aktivitäten entfaltete. So kamen als Visiting Artists etwa Chris Burden, Vito Acconci und Bruce Nauman nach Buffalo. Sherman lebte in einem Apartment über den Ausstellungsräumen in Hallwalls, Kunst und Leben griffen stetig ineinander, was sie als befruchtend empfand. Insbesondere der Austausch mit weiblichen Künstlerinnen und Theoretikerinnen formte Cindy Shermans Bewusstsein: 1975 hielt die Doyenne der feministischen Kunstkritik, Lucy R. Lippard, einen Vortrag in Hallwalls, und die Künstlerinnen Hannah Wilke, Lynda Benglis und Eleanor Antin wurden „Role Models“ für die junge Studentin. Diese frühe Phase in Shermans Werk dauert bis zum Sommer '77, als sie ein Stipendium erhält und nach New York geht. Dort ändert sich die Art ihrer künstlerischen Darstellung, aber die bis dahin erworbenen Fähigkeiten und Erkenntnisse fließen in ihre folgenden Werke ein. Schors Ausstellung und Buch beschäftigen sich nun mit Shermans früher künstlerischer Phase und machen sie durch systematische Aufarbeitung zugänglich.

Es gibt einen Schnappschuss von der 12-jährigen Cindy Sherman und ihrer gleichaltrigen Kinderfreundin Janet Zink von 1966, auf der sie als alte Damen verkleidetet sind. Die Söckchen der beiden sind verrutscht, beide sind in der Haltung alter Menschen vornüber gebeugt und in ihrer Rolle absolut glaubwürdig, vor allem Cindy mit ihren großen Brillen wirkt wie eine alte, in sich zusammengekauerte Frau. Schon hier ist ihr Talent zur Verwandlung zu erkennen. Eine ihrer ersten Arbeiten von 1975 in Buffalo ist eine Reihe von 23 SW-Selbstporträts, auf denen sie sich in einem Schritt für Schritt nachvollziehbaren Prozess in eine andere verwandelt: zunächst Collegestudentin mit Brille, sieht man sie im Weiteren ohne Brille, die Haare zurückgekämmt, weißes Make up aufgelegt, einen Schönheitspunkt unter den Augen plaziert, um zuletzt als völlig veränderte Frau mit wehendem Haar und lasziver Geste eine Zigarette zu halten. Hier ging in 23 Bildern eine Art Verwandlung von „Aschenputtel“ zu „Lola Montez“ vonstatten. Diese Arbeit ist insofern paradigmatisch für Shermans Werk als es ihr Thema „Verwandlung“ sehr detailreich aufzeigt und die einzelnen Schritt der „Travestie“ leicht nachvollziehbar und sichtbar macht. In späteren Arbeiten ist nur der Endpunkt dieser Performance für den Betrachter sichtbar. Diese Phase, in der Sherman mit der Manipulation des Gesichtes beginnt, bezeichnet Schor in ihrem Frühwerk als Phase I. (1)

In der Phase II beginnt Sherman, die konzeptuelle Perfomance auf den gesamten Körper auszuweiten. 1975 entsteht unter anderem der Film „Doll Clothes“, in dem sie in Anlehnung an Ausschneidepuppen sich selbst in Unterwäsche fotografiert, dann ausschneidet und anschließend als Trickfilm-Sequenz ihre Bemühungen filmt, ein passendes Kleid für sich zu finden. Eine Hand von oben greift in das Geschehen ein und verhindert eine adäquate Kostümierung der Cindy-Puppe. Sherman bezeichnet diesen Eingriff als „elterliche Hand“ oder „gesellschaftliches Reglement“, das der weiblichen Identitätsfindung im Wege steht. Shermans Werk ist geprägt von der Frage nach der Position der Frau in der Gesellschaft, von der Frage nach weiblicher Künstlerschaft in einer männlich dominierten Gesellschaft, von der Furcht vor Vereinnahmung und Fremdbestimmung. Insofern ist der Titel der Ausstellung im Haus des Verbunds „Ich bin`s und bin`s nicht“ sehr aussagekräftig, denn Sherman gibt sich in ihren Arbeiten nie als eigentliche Person preis. Sie ist immer Eine von Vielen.

In der Phase III dieser frühen Entwicklung dramatisiert Sherman die Ausschneidepuppen. In „A Play of Selves“ zeigt sie mit 244 Figuren und 72 Szenen in vier Akten ein aufwendig inszeniertes Theaterstück. In „Murder Mystery“ entwirft sie mit Storybord und szenischen Anweisungen einen Kriminalfilm mit abfotografierten Puppen, die sie selbst typisierte und gestaltete. Diese äußerst aufwendigen und durchdachten szenischen Abfolgen sind alle durchwegs 1976 entstanden. Als Sherman 1977 nach New York kommt, verdichtet sich diese Form der Narration künftig in einem einzigen Foto. Ausgangspunkt dafür waren jedoch Erlebtes und Erkenntnisse in Buffalo. (1) Äußerst facettenreich ist auch die Arbeit Untitled (Growing Up) von 1975. Darin verwandelt sich Sherman in 13 SW-Fotografien von einem Kind in eine junge Frau - nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Adoleszenz.

Der Catalogue Raisonné: Cindy Sherman Das Frühwerk 1975-1977 Mit einem Essay von Gabriele Schor Deutsche und englische Ausgabe Hatje Cantz Verlag 2012. ca. 256 Seiten, ca. 288 Abb., davon 48 farbig, 240 in Duplex ISBN 978-3-7757-2980-2

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(1) Äußerst facettenreich ist auch die Arbeit Untitled (Growing Up) von 1975. Darin verwandelt sich Sherman in 13 SW-Fotografien von einem Kind in eine junge Frau - nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Adoleszenz. 

Cindy Sherman - That’s me – that’s not me
27.01 - 26.09.2012

Vertikale Galerie in der Verbund-Zentrale
1010 Wien, Am Hof 6a
Tel: +43 5 03130
Email: sammlung@verbund.com
http://www.verbund.com/sammlung
Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist jeden Mittwoch um 18 Uhr im Rahmen eines kostenlosen Kunstgesprächs gegen Voranmeldung zu besichtigen.

Wir bitten um Voranmeldung unter: sammlung@verbund.com oder +43 1 50313-50044


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