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Lob des Saaltextes

Zu den erfreulichen Entwicklungen in Museen und Ausstellungshäusern zählt die Erfolgsgeschichte der Kunstvermittlung: Irgendwann entdeckte offenbar jemand die Kinder und Jugendlichen als potentielles – wenn auch nicht immer freiwilliges – Publikum, und seither arbeitet in jeder Institution ein Team von meist recht ambitionierten Kunstvermittlern daran, diesen ihre Inhalte näher zu bringen. So viel Augenmerk dabei jedoch auf die Kids gelegt wird, so sehr werden bisweilen die Erwachsenen vernachlässigt. Dies zeigte sich einmal mehr bei der aktuellen Biennale Venedig. Dort kann man zwar seine Sprösslinge auf dreitägige Workshops schicken, ganze Programme für Gruppen buchen und Führungen besuchen (wenn auch deren Frequenz so selten ist, dass sie sich des Heimatkundemuseums Hintertupfing als würdig erwiese, gewiss jedoch keines Ereignis internationalen Formats). Als Individualbesucherin, die der Pubertät entwachsen ist, wird man allerdings völlig allein gelassen – zumindest in der kuratierten Ausstellung, die im Gegensatz zu den Nationalpavillons so gut wie keine Auskunft über die Kunstwerke erteilt, und einzig in einemwenig konkreten Foldertext das Anliegen der ganzen Veranstaltung umreißt. Zwar kann man Kurzführer erwerben; diese erzählen jedoch mehr über den Künstler, die Künstlerin als über das Kunstwerk selbst, das meist mit einem Halbsatz abgehandelt wird. Als Alternative bleibt bloß der fast 600 Seiten schwere Katalog, der zumindest grundsätzliche Informationen über die Arbeiten lieferte und um stolze 60 Euro zu haben ist. Das tagelange Schleppen von kiloweise Papier gestaltet sich freilich ermüdend, irgendwann sogar schmerzhaft. Was wurde eigentlich aus dem guten alten Saaltext, der im Idealfall präzise und kompakt über die Kunst zu informieren vermag? Natürlich: Zu viel Textblöcke können das Exponat verstellen, überlagern, einen am freien Zugang dazu hindern. Allerdings: Wer nicht einmal über Basisinformationen verfügt, der kann sich ein bloß diffuses Bild davon machen. Nicht jeder arbeitet so eingängig und plakativ wie Urs Fischer, dessen sanft abbrennende Raptusgruppe zu den Highlights dieser Biennale zählte. Auch die alte Kunst benötigte viel mehr Vermittlung. Und zwar nicht nur mit Hilfe von Audioguides, die einem zuerst ewig lang etwas ins Ohr flüstern, das man ohnehin bereits wusste – leider kann man diese Stellen nicht überfliegen wie beim Wandtext. Außerdem wird zumeist nur eine kleine Anzahl an Exponaten besprochen. Selbst das Bildungsbürgertum kennt aller Wahrscheinlichkeit nach zwar die Geschichte von Tarquinius und Lucretia, nicht aber die von Boreas und Oreithya. Dennoch hängt in der erst im Vorjahr eröffneten und aufwändig neu aufgestellten Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste einzig und allein beim Bosch-Altar ein Saaltext. Warum macht man sich so viel Mühe, Sammlungen neu zu arrangieren und Gegenwartskunst aus allen Winkeln dieser Erde zusammenzutragen, wenn man dann auf ausgerechnet jene vergisst, die eigentlich zumindest eines der Zentren dieser Bemühungen darstellen sollten – nämlich die BesucherInnen? Hält man das Kunstpublikum für so umfassend gebildet, dass es antike und biblische Stoffe ebenso bis ins letzte Detail draufhat wie sämtliche Verweis- und Zeichensysteme der Gegenwartskunst? Vergisst man einfach auf die Massen, die auf Kunstfestivals wie in Museen strömen? Oder reicht es einem eh, wenn man selbst darüber Bescheid weiß, und die anderen sollen sich genieren für ihre Unwissenheit? Saaltexte erweitern, wenn sie gut formuliert und inhaltlich aussagekräftig sind, das Verständnis von Kunstwerken um Dimensionen. Merkwürdig, dass man gerade an prominenten Orten darauf gerne vergisst.

Ihre Meinung

3 Postings in diesem Forum
Walter Stach | 13.06.2011 08:53 | antworten
... gerieren sich eben noch wie Kirchen; es gilt das Diktum von der unbefleckten Empfängnis des Auges.
Leider
Günter Stickler | 14.06.2011 10:35 | antworten
muss ich Ihnen zustimmen. Ich war gestern im Prunkstall des Unteren Belvedere und habe Beschriftungen der Ausstellungsstücke schmerzlich vermisst. Zwar wird am Eingang ein Faltblatt zum stolzen Preis vom 2 Euro feilgeboten, die darin enthaltenen Angaben sind jedoch äußerst sparsam. Ein weiteres Problem sind Texte, die sich der Gesamtgestaltung unterordnen, sodass die Lesbarkeit hinter den äußeren Eindruck zurücktreten muss, wie etwa in der laufenden Makart-Ausstellung im Unteren Belvedere. Angefangen hat mit diesem Unsinn Hans Hollein vor fast drei Jahrzehnten in der Ausstellung "Traum und Wirklichkeit", wo er die Beischriften hellgrau auf dunkelgrau drucken ließ und so fast unentzifferbar machte.
Infos am Smartphone
Bernhard Gwiggner | 14.06.2011 07:28 | antworten
Eine brauchbare und weiter entwickelbare Alternative, um vielfältige Informationen in Ausstellungen zur Verfügung zu stellen bzw. zu erhalten, ist die Möglichkeit Dateien auf das Smartphone zu laden. So funktioniert das App "iBiennale", denke ich, für Venedig bereits recht gut - zumal ich keine Katalogkilos herumschleppen muss und auch vielfältige Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung habe.

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