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Kanon

Hab ich mir auf meine Bemerkungen zum öffentlichen Umgang mit Schlingensiefs Ableben zwei Postings eingefangen. Und was für welche: seriöse, argumentierende, leidlich mit mir einverstandene und auch noch mit Namen gekennzeichnete. Es gehört sich, dafür dankbar zu sein, und zumindest auf einen Satz zu reagieren. Dieser Satz lautet, er stammt von Markus Proschek: „Mythengegaukel betreiben Sie mit der Nennung "großer" Namen (die sich jede Gesellschaft neu kanonisiert).“ Die drei großen Namen (Michelangelo, Shakespeare, Goethe) sind nicht auf meinen Mist gewachsen, Gottfried Benn hat sie als seine persönlichen Favoriten benannt. Ich habe also getan, was ich denke, dass ein Kanon bewirkt: Ich habe zitiert, angeeignet, appropriiert, mich in eine Kontinuität gestellt. Kontinuität: Die vielleicht bekannteste zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Phänomen, Harold Blooms „The Western Canon“, geht demgegenüber von einer Komplementarität aus; für Bloom ist Kanon das, was ein Autor in seiner „Anxiety of Influence“ aus seinem Werk verbannen will. So oder so wird dadurch aber ein Vorbild autorisiert. Und Bloom ist der felsenfesten Überzeugung, dass Qualität sich durchsetzt. Kanon entsteht gerade nicht mit jeder Gesellschaft neu. Im Gegenteil: Shakespeare, Blooms Abgott, an die Spitze zu stellen, ist nicht Sache von Konstruktion, sondern von Kompetenz. Saul Bellow, Blooms Verwandter im Geiste, hat die schöne Sentenz geprägt: „Wenn die Zulus ihren Tolstoi haben, dann werden wir ihn lesen“. Korrekt ist das natürlich nicht, wie die Kanon-Diskussion um 1980 wieder aufs Tapet kam, als die alten Kriterien Herkunft, Geschlecht, sexuelle Disposition neue Kategorien wurden. Seither gibt es ein „Differencing the Canon“, wie es bei Griselda Pollock heißt, und jede Pressure Group leistet sich ihren eigenen Katalog an Grandiositäten. „Kanonisation bedeutet Heiligsprechung. Wie aber macht man Romane zu Heiligen? Nun, wie im richtigen Leben: Man enthauptet und häutet sie, schneidet ihnen die Extremitäten ab und röstet sie, reißt ihnen das Herz aus der Brust und die Augen aus dem Kopf.“ Drastisch ist es schon, was sich der Jungautor Thomas Hettche damals, 2002, einfallen ließ, um Altkritiker Marcel Reich-Ranicki und dessen bezeichnenderweise „Der Kanon“ genannte Zusammenstellung seiner zwanzig deutschsprachigen Romane in den Orkus des Belanglosen zu stoßen. Für Hettche war das Angebot nichts anderes als eine „Totenliste“. Seit man den Kanon, wie so vieles, aus der Theologie in die Ästhetik überführte, also um 1800, hat er sich immer auch über Proliferation gerechtfertigt. Kanon ist zu verstehen als Bollwerk gegen eine Flut, als Enklave innerhalb der allgemeinen Schrankenlosigkeit (schon der Literaturkanon der deutschen „Klassik“ ist explizit gegen die „Bücherflut“ gerichtet). In diesem Sinn auch meine, ohnehin nur geborgte, „Totenliste“: Gegen die Wort-Wucherung von Frau Jelinek die Trias weißer Männer; gegen die Gegenwartsstilisierung die Vergangenheitsseligkeit von Wertschätzung; gegen das Mythengegaukel aktueller Großartigkeit die Seltenheit von Meisterschaft. Einen Versuch wars wert.

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