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Rijksmuseum

Wiedereröffnung voraussichtlich 2008: So steht es in einem grünen Guide Michelin von 2004 zu lesen, der die Stadt Amsterdam behandelt. Der Eintrag lautet Rijksmuseum. Das ist die Schatzkiste holländischer Kultur, speziell des 17. Jahrhunderts, mit Seitenblicken zu den alten Niederländern, und das ist es dann eigentlich auch. Durch seine ziemliche Beschränkung aufs Goldene Zeitalter muss das Rijksmuseum nicht unbedingt zu den allergrößten Häusern gehören. Aber was sie haben, das haben sie wirklich, geschätzte 3.000 Bilder, Kunstgewerbe und die Wunderkammer der Silberschmiede van Vianen, auf deren Treibarbeit ein Ornament zurückgeht, das den schönen Namen „Ohrmuschelstil“ trägt. Wahlweise sagt man auch, kaum appetitlicher, „Knorpelwerk“ dazu. Das Rijksmuseum jedenfalls hat noch auf Jahre hinaus geschlossen. Die Radlerlobby ist angeblich zu stark, schließlich droht der Umbau, der einen zentralen Eingang nach Louvre-Vorbild vorsieht, einen Umweg fürs die Pedaltreter zu bedingen. Riesengerüste machen den Riesenbau noch brüsker, rechts hinten aber führt ein liebliches Gärtlein zu einem Seitentrakt, in dem man einige Zimelien zeigt. Die meisten Touristen, und Amsterdam quillt traditionell über von ihnen, denken, das ist es nicht wert, bleiben also fern und schieben sich nebenan vors Van Gogh-Museum. Ich bin trotzdem hinein in das, was vom Rijksmuseum übrig ist. Es war, mit einem Wort, großartig. Zu sehen sind vielleicht einhundert Bilder, allesamt von der allerhöchsten Qualität. Zum einen als Dokument der holländischen Geschichte, zum Beispiel Jan de Baens fürchterliches Porträt des kopfüber hängenden, vom Mob gelynchten und gründlich ausgeweideten Brüderpaars Jan und Cornelis de Witt, denen man vorwarf, das Land an Ludwig den Vierzehnten verschachert zu haben. Zum anderen als Monumente der Kunstgeschichte, mit den Rembrandts, Vermeers und Frans Halsen und einem grandiosen Stilleben von dessen Großmeister Willem Claesz Heda. Nirgends auf der Welt gibt es auf so wenig Platz soviel Pracht. Fazit: Es gibt nichts Besseres als solche Extrakte, Verdichtungen, Eindickungen. Wieder einmal zeigt sich, dass die besten kulturgeschichtlichen Aktionen aus der Not geboren sind. Und wenn es um Ausstellungen geht, gibt es selbstverständlich nichts Besseres als die kleine Form. Meine Lieblingspräsentation ist immer noch die pure Zusammenschau, die die Neue Pinakothek in München vor fünf Jahren Manet angedeihen ließ – mit sage und schreibe zwei Werken. Aber was für welchen. Nun habe ich ein neues Lieblingsmuseum. Zumindest auf Zeit. Wünschen wir der Radlerlobby noch viele glückliche Jahre.

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