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A Day in the Life

In der British Library, seit einigen Jahren im Neubau gleich bei King’s Cross/St. Pancras Station, wo man ankommt, nimmt man nach London den Zug, situiert, gibt es einen Raum, wo die besonderen Zimelien ausgestellt sind. Das war früher, als die Bibilothek noch am British Museum hing, auch schon so, und es gibt zu sehen, was das nationale Erbe an Schriftgut ausmacht. Das Book of Lindisfarne zum Beispiel ist aufgeschlagen, jenes Exemplar an insularer Buchmalerei aus der Zeit um etwa 700, mit Flechtband-Ornamentik und überbordendem Horror Vacui. Auch ein Exponat: Der Text zu „Ticket to Ride“ von den Beatles, kurz zu Papier gebracht auf einem Zettel, lapidar notiert von John Lennon, der für das Lied verantwortlich zeichnet. Bei Sotheby’s in New York wird es jetzt eine Versteigerung geben, wo das Manuskript zu „A Day in the Life“ zum Verkauf steht, kurz zu Papier gebracht und lapidar notiert. 700.000 Dollar soll der Zettel bringen. Er enthält allein die Anteile Lennons, das Mittelstück, das von McCartney stammt, fehlt. Das letzte Lied auf Sgt. Pepper, von vielen für das beste aller Beatles-Songs gehalten (ich selbst bin da mehr für „Strawberry Fields Forever“) war zugleich das erste der legendären LP, das man, zwischen 19. Januar und 10. Februar 1967, aufgenommen hat. Lennon schreibt sich darin seine Trauer von der Seele. Manuskript zu "A Day in the Life" Der Mann, von dessen Tod er in der Zeitung erfuhr, war auf seine Art ein Freund der Beatles. Tara Browne, Guiness-Erbe und waschechter Aristokrat, war eine der Figuren, in der die Seelenverwandtschaft von alter Noblesse und neuem, aus dem Geist des Pop geborenem Adel ganz bei sich war. Tara Browne hat, wie es heißt, McCartney zu LSD bekehrt – der der letzte der Beatles war, der mit der Droge, die die Kultur der Sechziger auf dem Gewissen hat, Bekanntschaft schloss. Mit gerade 21 fuhr Browne sich im Sportwagen zu Tode – er hinterließ, wie man genau weiß, ein Vermögen von 28.272 Pfund, wenig im Vergleich zu der Million, die er bekommen hätte, wäre er 25 geworden. Tara Browne jedenfalls ist unsterblich geworden durch die Zeilen über den „Lucky man who made the grade“. Viele der Filme, in denen das Swinging London Mitte der Sechziger auf den Punkt kommt, versetzen ihre männlichen Helden in einen Taumel der Attraktivität. Ob Michael Caine in Lewis Gilberts „Alfie“, im März 1966 herausgekommen, ob Peter O’Toole in Clive Donners „What’s New Pussycat“, im Juni 1965 ediert, oder Ray Brooks in Richard Lesters „The Knack… and How to Get It“ ebenfalls im Juni 1965 in die Kinos gekommen: Ihre Maskulinität ist überragend, sie leiden richtiggehend darunter und adressieren sich ans Publikum mit einem gefügigen und narzisstisch unterlegten „Was soll ich machen?“. Speziell Tolen, der in „The Knack“ ohne Vornamen auskommt, aber nicht ohne Schlangen von Verehrerinnen, die sich die Treppe hoch vor seinem Zimmer im urbritischen Modus des Queuing Up üben, ist eine utopische Figur: Zum absurd übertriebenen Ende wird beschlossen, die Royal Albert Hall mit all den Verflossenen zu füllen, und da begehren sie nun vielhundertköpfig Einlass. Richard Lester hat „The Knack“ zwischen „A Hard Day’s Night“ und „Help!“, seinen beiden Beatles-Filmen, gemacht, und er war ein guter Freund der Fab Four. In der berühmten Schlusswendung von „A Day in the Life“, heißt es „Now they know how many holes it takes to fill the Albert Hall“. Ich bin mir sicher, dass das von Lesters Film kommt, versetzt mit der typisch Lennon’schen Wendung ins Schlüpfrige. Kurze Zeit vorher hat Lennon eine Zeile zu „Penny Lane“ beigesteuert, dem ureigenen McCartney-Lied. Lennons Beitrag ist die schöne obszöne Alliteration „A four of fish and finger pies“. Finger Pie meint dabei jene Flüssigkeit, die bisweilen an der Hand kleben bleibt, hat man sich manuell am weiblichen Unterleib zu schaffen gemacht. Das wäre dann schon einen Tag im Leben wert.

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