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Showdown

Das Meer ist nicht groß genug für ihn und seinen Gegner, und so ist der Held bereit zum Showdown. Breitbeinig, die Hände an den Hüften, ganz dem Vis-à-vis hingegeben, stellt er sich dem Duell. Die Szenerie ist auf das Entweder-Oder eines Zweikampfs abgestellt, die Herren links und rechts sind bessere Rahmenfiguren, Sekundanten im Moment der Satisfaktion. Dass sich hier Schiffe gegenüberstehen, geht im Pulverdampf unter. Wilhelm von Tegetthoff, der Oberbefehlshaber, hat sich in eine Statur geworfen, wie man sie heute im Übermaß kennt. John Wayne etwa hat sie vielfach vorgeführt. Als Anton Romako sein Gemälde 1882 in Wien der Öffentlichkeit vorstellte, war diese Statur dagegen eine Sensation. Vor allem eine negative. “In salopper Haltung, der auch die leiseste Spur heroischer Pose genommen ist, steht er mit einwärts gekehrten Fußspitzen auf der Kommandobrücke”, beobachtete die Salonkritik. Zu kurz kam ihr offenbar das Heldenhafte an Romakos Helden. Im Moment hat das Bild einen Ehrenplatz im Oberen Belvedere, das ihm und seiner Außergewöhnlichkeit eine Studioausstellung widmet. Anton Romako, Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa II , um 1880/1882, Belvedere, Wien Tegethoff gibt sich in der Tat inoffiziell. Was soll er sich um die Zuschauer kümmern, die ausserhalb des Bildes stehen, wo es doch um derart Unhintergehbares wie Kampf, Sieg und Leben geht! Natürlich greift Romako, der Maler, dabei tief in die Trickkiste. Sein Gemälde tut so, als gingen es die Erwartungen an eine repräsentative Darstellung, an die Konventionen eines Schlachtenbildes und die Apotheosen des Kriegshelden nichts an. Schließlich gab es jenen entscheidenen Augenblick, dank dessen Tegetthoff überhaupt die zentrale Rolle in einem solchen Bild zukommt: den Augenblick des Sieges, dem der Augenblick des Loschlagens, Angreifens und Überwältigens vorausgeht. Auf diesen konzentriert zu sein, gibt Romakos Werk vor. Dass dabei die Betrachter nicht wirklich unbeachtet bleiben, gehört zum Kalkül. Auf zweiter Ebene werden sie nicht nur angesprochen, sondern geradezu umgarnt. Tegetthoff verweigert den Betrachtern die “heroische Pose”, wie bemängelt wurde. Dafür gibt er ihnen die Illusion, dabei gewesen zu sein, hautnah, an der unmittelbarsten Stelle, die überhaupt möglich ist. Dort, wo der Feind steht, der Partner beim Showdown. Der Betrachter ist der Gegner Tegetthoffs, und er ist zugleich der Komplize Romakos. Denn ohne die Zustimmung der Öffentlichkeit, des Publikums, der Kunstinteressierten bleibt das Bild misslungen, oder, was schlimmer ist, es bleibt indifferent. Die künstlerische Avantgarde hat sich, es ist ihr oft zum Vorwurf gemacht worden, in eine Begrifflichkeit gehüllt, die aus dem Kriegswesen stammt. Wie im Militärischen, so ist sie überzeugt, bedarf es im Ästhetischen einer Vorhut, die das Unbekannte erkundet und der Dynamik und Unwiederstehlichkeit des Neuen das Terrain bereitet. Romako ist kein Avantgardist. Dennoch darf “Tegetthoff in der Schlacht bei Lissa” nach allen Maßstäben der Moderne als bahnbrechendes Bild gelten. Es verklammert den Fortschrittsanspruch der Kunst mit der Tradition ihres Ideengebers. Es stellt das Neue an einem Beispiel dar, das als Hort des Konservativen gilt. Es bricht, durch die Darstellung, in die Konventionen ein, indem es, in der Darstellung, einen Rammstoß wiedergibt. Im 20. Jahrhundert ist das Militärische in der Kunst kein Thema mehr. Um so mehr bleibt es, durch Vorstellungen von Sieg, Sturm oder Überwältigung, ein wichtiges Motiv. Was das Bild zeigt und wie es zeigt, treten gegenüber. Bei Romako befinden sie sich noch in ausgesuchter, raffinierter Balance.

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