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Zerlegungskunst

Die Impressionisten sind die Kronzeugen für die Erkenntnis, dass es zur Durchsetzung von künstlerischer Bedeutung neben der Qualität der Bilder zumindest zweier weiterer Instanzen bedarf: zum einen der Kunstlieraten, deren wortgewaltigster und wohlmeinendster Emile Zola war, und zum anderen der Kunsthändler, und hier ragt Paul Durand-Ruel heraus, der erste aus jener Zunft, die man seither Galeristen nennt. Kunst kommt zum Durchbruch, wenn sie rhetorisch und ökonomisch unterfüttert wird. Seit den Impressionisten gibt es, was heute selbstverständlich ist: einen Kunstbetrieb. So ist es kein Wunder, dass nach ihnen gleich Neo-Impressionisten kamen. Auf diesen Namen zumindest wurden sie von Félix Féneón gebracht, seinerseits Literat, Kritiker, Intellektueller, und die Komplementarität von Bild und Text gewann neuen Schwung. Georges Seurat gilt als Erfinder des neuen Ismus, er selbst nannte sein Verfahren Divisionismus, heute kennt man es zumeist als Pointilismus. Im Taumel der Begriffe ist schon angedeutet, dass der Weg in die Wortfülle und Gedankenschwere fortan unvermeidlich wurde. Die Frankfurter Schirn widmet Seurat im Moment eine Personale, so groß, wie es ein schmales Oeuvre, die Fragilität der Arbeiten und die Tatsache, dass das Hauptwerk in Chicago daheim ist, zulassen. Georges Seurat, Le Port de Gravelines, Étude (Der Hafen von Gravelines, Studie), 1890, Foto: P.S. Azéma Seurats Zerlegungskunst – nichts anderes meint Divisionismus - begegnet der Motivik des Impressionismus mit Methodik. Was bei Monet und seinen Mitstreitern ein gleichsam spontan zustande gekommenes Gemenge von Punkten, Strichen, Pinselmarkierungen in bunter Farbigkeit war, wurde nun mit Wissenschaftlichkeit und Akribie angereichert. Die Selbstkontrolle, wie sie schon der Impressionismus benötigte, wurde zum strikten Verfahren, zum Organisationsprinzip, ja, zur letzten Rationalität künstlerischer Arbeit. So zergliederte und verteilte Seurat die Farben nach dezidiertester Programmatik. Alle Couleurs wurden in ihre Grundbestandteile zerlegt, in die Primär- und Sekundärfarben, und es gesellte sich zum Grün jeweils ein Rot, zum Blau ein Orange, zum Gelb ein Violett: Die Nachbarschaft der Komplementärfarben wurde Vorschrift, gemeinsam sollten sie sich in der Leuchtkraft bestärken und einen Vexiereffekt ergeben aus Abstoßung und Anziehung, einen Magnetismus des Kolorits, der die Oberfläche in steter, weil optisch unvermeidlicher Bewegung hält. Seurat war bereits 1891 gestorben, und so übernahm Paul Signac die Rolle des Mentors. Der Diskursivität des neuen Ismus tat der Führungswechsel keinen Abbruch. Im Gegenteil, Signac ist eine der einflussreichsten Gestalten seiner Zeit geworden, gab er doch den Maler und den Ästhetiker, den Kunsthistoriker und den Impresario in Personalunion. In Bild und Text gleichermaßen versiert, machte erst Signac aus Seurats Privatprogramm, seiner individuell-versponnenen Überführung des Impressionismus in ein Konzept, ein anerkanntes Verfahren von allgemeiner Verbindlichkeit. Dass Seurats methodische Strenge dabei aufgeweicht wurde, liegt auf der Hand. Im Gegenzug wurde der Pointillismus um 1900 nicht weniger als ein Welterfolg.

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