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Anthropophagie

Im Jahr 1968 war „Hair“ die Sensation der Saison. Im Untertitel nannte sich die Veranstaltung „American Tribal Love-Rock Musical“, und in der typischen Vermengung von Allem und Jedem, wie es die späten Sechziger pflegten, redet es von Amerikanertum, Stamm, Liebe und Rockmusik. Stamm, „tribe“, ist dabei vielleicht das Schlüsselwort. So wie der Begriff verwendet wird, meint er eine Art von Solidarität mit den Schwarzen und den Ureinwohnern des Kontinents, eine Rückkehr zu einer anthropologischen Wahrheit, ein Back-to-the-Roots, in dem der Mensch aller Mühen der Zivilisiertheit enthoben ist. Aktuell, für die Sixties, aber hat „Stamm“ auch eine soziologische Wahrheit, und sie trifft die Sache wohl besser, auch wenn die „Hair“-Betreiber sie womöglich nicht im Auge hatten. „Die elektronischen Medien“, so schreibt der kanadische Literaturprofessor Marshall McLuhan Anfang der Dekade, „schrumpfen die Welt zu einem Stamm oder einem Dorf zusammen, wo alles für jeden zur gleichen Zeit geschieht: jedermann weiß um alles, was geschieht, und nimmt daher an allem teil, was geschieht, im Augenblick, da es geschieht.“ McLuhan selbst ist das beste Beispiel für sein Diktum, das als Bestimmung des „Global Village“ weltberühmt geworden ist. Die Welt ist ein Dorf dank der Massenkommunikation, und McLuhan konnte schon mit seinem 1951 erschienenen Buch „Die mechanische Braut“ ein wichtiger Stichwortgeber für die folgende Pop Art werden. Das Weltdorf: Hier gibt es „Hair“-Aufführungen, Filme der verschiedensten Provenienzen, eine internationale Musik, und alles wird verständlich gemacht im Esperanto der Gegenwart, im Englischen, das jetzt, nicht zuletzt mit den Beatles, zum universalen Idiom geworden war. Diese Globalität funktioniert wie ein Dorf, sagt McLuhan. Und genauso auch wie ein Stamm. Dieser Vergleich hat schon im Moment, da McLuhan ihn formulierte, eine Reihe von Filmen inspiriert. „Mondo Cane“ von Tinto Brass, nachmalig mit dem „Caligula“-Film notorisch geworden, eine italienische Produktion, 1962 immerhin für die goldene Palme in Cannes nominiert, war die Initialzündung für ein kinematografisches Prinzip, bei dem vielerlei Ausschnitte aus Dokumentationen gezeigt werden, um die Triebbesessenheit und Primitivität des Menschen zu entlarven. Es wird aufklärerisch getan in diesen Filmen, aber im Zentrum des Kalküls steht das Spektakelbedürfnis. Zu den Gewährsleuten des tribalistischen Treibens in „Mondo Cane“ gehört kein geringerer als Yves Klein, von dem eine Performance gezeigt wird, bei der eine „Anthropométrie“ entsteht, der Abdruck eines nackten Frauenkörpers auf der blau auratisierten Leinwand. Der unfreiwillige Aufritt in „Mondo Cane“, so heißt es bisweilen sehr plausibel, hat Kleins urplötzlichen Tod in eben dem Jahr 1962, ein paar Wochen nach der Filmpremiere, mit gerade 34 mitverursacht. Anna Maria Maiolino, Still aus: In-Out (Athropophagy), 1973/74, Courtesy Anna Maria Maiolino, © die Künstlerin Jetzt geben sie in der Kunsthalle Wien eine Ausstellung zum brasilianischen Tropikalismus. Die Tendenz, Rio zur Metropole werden zu lassen, ist absolut zeitgleich mit „Hair“, und die Wiederentdeckung Oswald de Andrades ist es ebenso. Der hat 1928 sein „anthropophagisches Manifest“ veröffentlicht, das Plädoyer für eine Menschenfresserei, die nichts anderes bewirkt als eine Hybridkultur, die Einverleibung der Welt für die eigene Verdauung. Auch hier sind Welt, Dorf und Stamm eine Einheit.

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