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Gemma essen

Man kann sagen, dass es ein Philosoph weit gebracht hat, wenn sein Farbfoto auf dem Cover des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ erscheint. Robert Pfaller ist das an diesem Freitag, wenn das Magazin wöchentlich erscheint, passiert. Doch sein Konterfei war nicht das einzige, auch die Frau Tobisch, die Frau Streeruwitz, die Frau Proll und die Frau Gustav waren drauf, sowie die Herren Scheuba, Wurm, Glavinic, Blumenau, Ruzowitzky, Hurch und Gruber, wobei man nur zu letzterem etwas dazusagen muss, nämlich dass er Physiker und Kabarettist in Personalunion ist. Alle anderen sind hinlänglich bekannt und offenbar verkörpern sie so etwas wie Wiener Lokalkolorit, und das ganz buchstäblich. Süddeutsche Magazin, Titelseite, Quelle: sz-magazin.sueddeutsche.de Das Lokal, in dem sie sich trafen und von der „Süddeutschen“ vom Nachmittag an bis zur Sperrstunde ausgehalten wurden, war das Café Engländer. Die Sperrstunde im Engländer ist relativ zeitig, beim letzten Mal, als ich dort war, stellten sie um halb eins die Stühle hoch. Früher ging das Sitzen länger. „Der Morgen danach ist katerlos“, reportiert einer der vier anwesenden Berichterstatter, und das kann man sich unschwer denken angesichts der mitgelieferten Schlussrechnung, dazu wurde zuwenig getrunken (neun Averna bei zwölf Herr- und Frauschaften, aber offenbar viel Soda-Zitron, das im Heft als „Soda-Citron“ firmiert als wäre es ein ausländisches Automobil) und zuviel gegessen (zum Beispiel sechs kleine und zwei große Gulasch, fünfmal mariniertes Rindfleisch oder zweimal Wildbratwürstel). Beflissen wurde aufgezeichnet, was die illustre Runde, zu der man stoßen und von der man sich abstoßen konnte, wie man lustig war, von sich gab, auf 220 Manuskript-Seiten protokolliert und auf sagenhaften zwölf Heftseiten zum Abdruck gebracht. Die Themen waren, so steht es gleich im Vorspann, die folgenden: „Adorno, Deutschland, Burn-out, Haider, Demenz, Fußball, Kehlmann, die RAF, Zahnärzte, Selbstmord, Cordon Bleu Österreich“. Bis auf Adorno hätte man sich das denken können, und Robert Pfaller hat, so ergibt sich aus der Lektüre, auch noch den Namen Zizek ins Spiel gebracht. Auch die Beiträge hat man sich so denken können. Erwin Wurm kam als erster und ging als erster, er musste bald aufbrechen „aufs Land“, wie er sagt, wahrscheinlich auf sein Schloss, fügen wir hinzu, er konnte, was den anderen versagt blieb, seine Meinung widerspruchslos kundtun, und er wurde vom Kellner mit „Herr Professor, bitte höflichst“, angeredet. Lotte Tobisch wusste, dass nicht alles, was sie sagen würde, zum Abdruck käme, sondern „nur die Quintessenz: Eine Dame, die nicht Arsch sagen kann, ist keine“. Marlene Streeruwitz zeigte sich in ihrem typischen Habitus aus Militanz und Weinerlichkeit, Florian Scheuba gab zu bedenken, dass man vor Ort eigentlich ein „Gordon Bleu“ bestelle, und Gustav hat sich unsterblich gemacht mit der ewigen Wahrheit: „Wisst ihr, was das Beste an Österreich ist? Die Wurst!“ Eine der erfolgreichsten Produktionen des österreichischen Fernsehens dauert nur fünf Minuten. Im Gegenzug wird sie täglich ausgestrahlt, zur besten Sendezeit, nach den Hauptnachrichten. „Seitenblicke“, so ihr Name, ist ein Gesellschaftsmagazin. Weil Österreich ein kleines Land ist, weil man einander mit größerer Wahrscheinlichkeit kennt als anderswo und weil es auch mit der Prominenz nicht so weit her ist wie in Nationen mit großer Unterhaltungs-, Fitness- und Vergnügungsindustrie, liefern die „Seitenblicke“ dem Fernsehpublikum das unmittelbare Versprechen, es irgendwann einmal selbst dahin zu bringen, wo der Glamour und die Papparazzi warten. Die „Seitenblicke“, und eben dies macht sie so erfolgreich, sind das Medium par excellence für die Verbreitung von gesellschaftlicher Egalität. Gehörigen Anteil an diesem gleichmacherischen Elan haben die Schauplätze, die das „Seitenblicke“-Team abkonterfeit. Zum erklecklichen Teil sind die Kameras entlang der diversen warmen und kalten, der spezialitätenreichen und von regionalen oder exotischen Genüssen überquellenden Buffets aufgebaut, die jedes gesellschaftliche Ereignis buchstäblich garnieren und an denen sich die Society naturgemäß stärkt, bevor sie sich den „Seitenblicken“ zur telegenen Wortspende stellt. Österreich sieht sich als Land der Esser, und als ebensolches stellt es sich, Schichtenspezifika überschreitend und Mentalitätszonen durchquerend, dar. Gottseidank wissen das jetzt die Leser der „Süddeutschen Zeitung“ auch.

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