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Die Frierende

Das Frankfurter Liebieghaus ist eines der wenigen und noch dazu herausragenden Spezialmuseen für Skulptur. Gerade zeigen sie dort den französischen Rokoko-Klassizisten-Aufklärer Jean-Antoine Houdon. Im Folgenden ein paar Gedanken zu seinem bekanntesten Stück, der „Frierenden“ von 1783: „La frileuse“. v.L.n.R.: Jean-Antoine Houdon: Der Winter ("Frileuse"), 1783, Der Winter, 1783-85, Der Winter ("Frileuse"), 1787 Im Jahr 1798 gab Goethe bei seinem Haus- und Hofmaler Friedrich Bury eine spezielle Version von Kopie in Auftrag. Tizians „Himmlische und irdische Liebe" sollte per Nachbildung in das geheimrätliche Haus einziehen, doch fand dabei das traute Stelldichein einer unbekleideten und einer mit Stoff behängten Schönen, wie es der vorbildhafte Venezianer arrangiert hatte, sein brüskes Ende. Bury verengte nämlich das Quer- zum Hochformat und räumte eine der beiden Damen einfach weg. So blieb allein die Nackte übrig und konnte nun ganz auf Unschuld machen: Die Gesellschaft der Angezogenen hätte sie dagegen als ausgezogen bloßgestellt. Für solcherlei schlechte Manieren war die Liegenschaft am - ausgerechnet - Frauenplan zu offiziell. Francois Boucher hatte eine halbes Jahrhundert vorher damit nicht nur kein Problem, sondern er konnte es gerade zum Thema einer kleinen feinen Szenerie machen. Wenn er seine „Odaliske“ malt, ist sie eine Ausgezogene, und sie hat sich im Boudoir hingestreckt, orientalisch ausstaffiert und den Blick ganz abendländisch auf das galante Publikum gerichtet. Und doch ist sie auch nackt, idealisch nackt, eine Venus und zwar Venus Kallipygos, die mit dem schönen Po. Irgendwo zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt dann die Realität des Geschehens, die Realität nicht der Frau, aber jene der Bilder von der Frau mit ihren eigenen Umgangsweisen mit dem Prinzip Erotik. François Boucher, Odaliske, um 1740, Musée du Louvre, Paris Wenn Jean-Antoine Houdon sich dem weiblichen Körper nähert, dann scheint er nicht nur chronologisch, sondern auch systematisch in diesem Irgendwo die Mitte einzunehmen. Seine „Frierende“ ist eindeutig ihrerseits eine Venus Kallipygos, und gerade der Unterleib bleibt in aller Deutlichkeit von der Verhülltheit ausgespart. Genauso aber muss diese „Frierende“ auch verhüllt werden, verhüllt mit einem Tuch und vor allem verhüllt mit einer Begründung. Diese Begründung ist nicht mythologisch drapiert und auch nicht kategorisch. Sie kleidet sich buchstäblich ins Genre. Dass so oder so noch viel zu sehen ist von Anmut, Grazie und schlichter Nacktheit, gehört zum Kalkül. Wie so vieles ändert sich im 18. Jahrhundert auch der Zugang zum nicht verhüllten Körper. Bouchers ebenso verspielter wie naiver Zugang steht am Anfang dieser speziellen Veränderung. Houdon nimmt eine raffiniert in Szene gesetzte Mitte ein. An deren Ende stehen Sade und die Entdeckung der Pornografie, die nicht mehr Dissidenz ist und sich gemeinsam mit politisch oder religiös Prekärem auf dem Index findet. Es ist die Pornografie, wie wir sie kennen, bei der das Fleisch Selbstzweck und das Begehren sexuell geworden sind.

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