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Anfänge

Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist. Zum Beispiel ist es nicht mehr selbstverständlich, einen guten Einstieg zu finden. Die Moderne, die sich von Tod und Teufel, alias den letzten Dingen, gründlich verabschiedet hat, frönt um so erbitterter den ersten: den Ursprüngen, den Anfängen, den Geburten, den Entrees. Moderne, die wir sind, suchen wir alle nach dem griffigsten, elegantesten und unwiderstehlichsten aller Einstiege. Der Beginn ist das Einmaleins des Flirtens und das Nonplusultra des Schreibens. Ich für meinen Teil investiere die Hälfte meines Zeitaufwands für einen Text in dessen ersten Satz. Meistens zumindest, denn in dem gerade vorliegenden Fall stammt, die Leserschaft hat es längst erkannt, die Einstiegswunderdroge von Theodor Wiesengrund Adorno, der für derlei immer gut ist. Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist: Das spricht ebenso das Apodiktische wie das völlig Einleuchtende an, und für alle, die es nicht glauben wollen, sind noch die unmittelbare Präsenz des \"Ist\" und das existenzielle Fanal des \"Nichts\" angeführt. So zieht man die Leser auf seine Seite. Und auch Ästhetische Theorien haben gerne Leser. Ilsebill salzte nach. Das ist gut, weil griffig. So griffig wie der Titel des Buches, dem es den Anfang bildet: Der Butt. Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Maximum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem östlich auszuweichen. Und so weiter. Das Hochdruckgebiet zieht noch mehr als ein Dutzend Zeilen hinter sich her, die allesamt vom Meteorologischen reden, um endlich auf die Pointe zuzusteuern. Sie lautet: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913. Der Anfangsabschnitt ist das einzige, das Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften zu Ende bringt. Insofern ist er ebenfalls gut. Wir arbeiten die ganze Zeit ohne Anführungszeichen. So merken die Leser, und das ist der ganze Trick, nicht, wann das Zitierte aufhört und das eigene, geringer als bei Grass oder Musil ausgefallene Talent seine Wirkung entfaltet. Mein Lieblingsanfang bei einem meiner Texte ist zugegebenermaßen auch nur zu einem geringer ausgefallenen Anteil von mir. Dieser Anfang lautet: Kunst ist nicht das Gute, sondern das Ganze. Nicht schlecht, oder? In Thomas Manns Joseph und seine Brüder liest es sich so: Gott ist nicht das Gute, sondern das Ganze. Und irgendwie stimmt das ja beides, mit dem Gott und der Kunst, die in der Moderne die Plätze getauscht haben. Letzte Worte, dies zum Schluss, kann jeder. Wie war das zum Beispiel mit Goethe? Mehr Licht. Oder mit Charles Foster, genannt Citizen Kane bei Orson Welles? Rosebud. Na eben. Letzte Worte sind leicht. Aus einsehbaren Gründen sind sie auch kürzer. Anfänge dauern, wie Wunder, etwas länger. Das ist das Schicksal von Karrieren.

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