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Anmerkungen zu camp

Kennen Sie camp? Anlässlich der Pop-Ausstellung in London ist es mir wieder aufgefallen: Wer nicht cool war in den Sechzigern, musste camp sein. Und während sein Pendant in unserer Gegenwart die wüstesten Urständ feiert, hat sich camp verflüchtigt. Damals war es ein Begriff, und was für einer. Anders als cool, das auf die Aura des Zurückhaltenden setzte, auf das Versprechen, mehr zu sein als zu scheinen, umgab camp der Gout der Deutlichkeit, eine Rhetorik des Schrillen und Hochgestochenen. Christopher Isherwoods Roman „A World in the Evening“ von 1954 hat ihm eine gewisse Verbreitung in Homosexuellen-Kreisen verschafft. Anfang der Sechziger trat camp den Siegeszug an, befördert vor allem von den „Anmerkungen zu camp“ Susan Sontags von 1964. Die Ästhetik, die camp meint, wurde nun unabhängig von sexuellen Präferenzen wahrgenommen, wenn auch das Faible fürs Androgyne Bestandteil blieb. Wer camp war, legte es dezidiert auf die Übertriebenheit an, es war ein Spiel mit der Geschmackssicherheit, das bisweilen auch verloren gehen konnte. Camp war von einer Zuordnung abhängig, die man heute vielleicht mit „Kult“ bezeichnet, von einer Bewertung als aufregend und beispielhaft, die von außen herangetragen werden musste. James Bond zum Beispiel war camp. Zwar fliegt sein Hut wie ferngesteuert an der schmachtenden Sekretärin namens Moneypenny vorbei auf den Ständer, zwar kämpft er sich durch Eis und Wüste und wischt sich bestenfalls ein Staubkorn vom makellos sitzenden Smoking, den er ganz selbstverständlich auch unter dem Taucheranzug trägt: trotzdem war Bond nicht cool, sondern camp. „Spies who came into camp“ war ein Artikel in der Farbbeilage des Londoner Observer im August 1966 überschrieben, und wie Bond in „Thunderball“, dem vierten Film der Serie aus dem Jahr 1965, sich durch die Elemente bewegte, erinnerte das eben an Superman, an Flash Gordon und die anderen Comic-Helden, die schrill und unschlagbar waren, und nicht an die sinistre Routine von Agenten, wie man sie bisher kannte. Genau diese Andersheit war camp. Sean Connery als James Bond George Melly, der britische Jazz-Sänger und Journalist, hat im Jahr 1970 eine Folge von Artikeln, die er in der Dekade über Phänomene des Pop verfasste, zusammengestellt, einen übergreifenden Essay dazu verfasst, das Ganze als Buch ediert und es nach einer Sentenz des Lyrikers Thom Gunn über Elvis „Revolt into Style“ betitelt (bei Gunn heißt es über den King „He turns revolt into style, prolongs/The impulse to a habit of the time“). Mellys pointierte Meinungen zu den „Pop Arts“, wie er die Tendenzen in den Plural setzt, die triftigsten vielleicht eines Zeitgenossen des Sixties London, nehmen die Künste durch die Brille des camp wahr; und sie liefern auch das große Gegenargument: „Pop Camp“, sagt Melly, „ist ein widersprüchliches Konzept. Camp ist eine In-Idee, Besitz allein für eine Minderheit. Wenn es öffentlicher Besitz geworden ist, und wenn jeder den Witz versteht, dann hört es auf, lustig zu sein“. Damit ist alles gesagt. Das Kultige, das camp ist, war fortan für alle da. Stil hörte auf, ein Unterscheidungsmerkmal zu sein. Camp war stets mit einem Risiko verbunden, das cool und seine Prätention des „Weniger ist mehr“ vermeiden konnten. Bei camp lauerte hinter dem Stil die Stillosigkeit. Das ist der Grund, warum man sich in unserer Gegenwart, da Geschmack vollständig verloren gegangen ist, dem Begriff und dem Phänomen nicht mehr aussetzt.

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