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... Berlin - Die Kunst ist super!

Jetzt ist er wirklich angekommen, der neue Direktor der Nationalgalerie mit dem Namen Udo Kittelmann. Manch einer sah in dem von Frankfurt importierten Direktor eine Lichtgestalt, die die Kunstlandschaft der Hauptstadt endlich retten wird. Klugerweise aber hat sich uns Udo zurückgehalten und ist Udo Kittelmannn geblieben. Schließlich gab und gibt es genug zu tun. Die letzte Zeit war er vor allem damit beschäftigt, sich in die Sammlung zeitgenössischer Kunst in der Nationalgalerie einzuarbeiten. Rechzeitig zum Saisonbeginn, vor allen anderen, ist der Hamburger Bahnhof restauriert und neu eingerichtet. Und plötzlich stehen dann auch die Pforten weit offen weit offen gegenüber dem Haupteingang an der Invalidenstrasse. Als ein solcher, als Invalide, kam man sich zuweilen vor, weil man sich die Ehre selbst geben musste. Die kleinen Pförtchen neben dem Haupttor erlaubten den Besuchern den Eintritt, aber willkommen schien man nicht. Jetzt empfängt einen eine leuchtend gelbe Skulptur von Franz West im Vorgarten und der Besucher weiß, er ist auf dem richtigen Weg, in den Westen an der ehemaligen Grenze zum ehemaligen Osten. Und wer dann in der großen Halle angekommen ist, dem wird vor lauter Leere schummrig. In diesem Falle aber kann man das Wort 'Leere' auch gleichsetzen mit dem Wort 'Lehre'. An drei Arbeiten wird dem Betrachter ein Einblick in die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gewährt. Für die Vergangenheit des Raumes steht Roman Kusmirowskis 'Waggon', für die Gegenwart Roman Ondaks 'Turbine Hall' und für die Zukunft halten wir den Übervater der moderne Kunst Marcel Duchamp bereit. Denn unter den Werken in dieser Neueinrichtung der Sammlung mag sich auch eines befinden, dass in zehn oder zwanzig oder fünfzig Jahren auch zu einer Ikone werden kann. Den Waggon kennen einige noch von der vierten Berlin Biennale. Dort zeigte sich das Werk in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule, hier ist es sowohl Referenz an die ehemalige Funktion des Hamburger Bahnhofs als auch memento mori. Niklas Maak hat in seiner Kritik der Ausstellung in der FAZ darauf hingewiesen, dass Flick sich geweigert hat, Zahlungen für Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter zu leisten. "Die reale Unbehaustheit der Zwangsarbeiter, für die es benennbare Ursachen gab, wird im Grusel existentieller Unbehaustheit, für die niemand etwas kann, aufgelöst: So dient Kunst, eine scheinbar aufrüttelnde zumal, als gemütliches Sedativ, das konkrete Verantwortlichkeiten als Conditio humana wegpinselt." schreibt Niklas Maak und er hat Recht. Die Arbeit von Roman Ondak kann man als Stachel im Fleisch Udo Kittelmanns verstehen und seine Erklärung für die exponierten 'Stellung' dieser Modell-Institution, im doppelten Sinnes des Wortes, legt das nahe. Die Latte ist hoch gelegt und zuweilen mogelt man sich unten durch und tut so, als hätte man sie leichtfertig überwunden. Das gilt ins besonders für die sogenannte Kleihues-Halle, in der es zuweilen dann doch sehr schwülstig zugeht. Wer die Zeichnungen von Twombly mit Gipsskulpturen von Michelangelo als Abguss zusammen bringt, dem verrutschen die Referenzen zu Reverenzen oder umgekehrt. Da wirkt selbst ein Andy Warhol sich selbst überfrachtend. Und die 'Glasskulpturen' von Gerd Rohling, hinter denen sich als schön inszenierte Altplastik verbirgt, hat immer den Reiz des Unüblichen, wenn man diese Plastiken noch nicht kennt. Ansonsten ist das Kirmes-Schnick-Schnack. Aber im gleichen Ausstellungsbereich findet sich dann auch das Kinderzimmer der Ausstellung mit Werken von Feininger oder Feldmann. Das ist gut gemeint, aber es ist eine gelungene Art von Kunst-Kirmes. Den Feldmann will man noch für die Sammlung erwerben. Aber in den sogenannten Rieck-Hallen kann sich Udoka als Könner und Bezwinger der Materie beweisen. Der lange Schlauch schlaucht schnell und dagegen muss man anarbeiten. Und das tut Kittelmann hier am überzeugendsten. Der Schlauch ist vergessen und die Promenade ist gelungen, mit seltsamen Konstellationen und konstitutiven Seitenblicken. Da entdeckt man plötzlich ein großartige Konvolut von großen, kleinen und noch größeren Holzkisten von Richard Artschwager. Und nebenan benebelt Broodthaers Garten einem die Sinne und man glaubt, die Verpackung dafür schon gesehen zu haben, nebenan. Irgendwie schreit sich eine Stimme frei und wir stehen am Ende in einer weiteren Kiste vor dem schreienden Absalon. Und plötzlich hat dann auch eine Figur wie Lee Bontecu mit ihren plastischen Bildern ihren gr0ßen Auftritt, ebenso überraschend wie das Konvolut von Artschwager. Es scheint, in der Sammlung der Nationalgalerie und des Hamburger Bahnhof sind noch viele Preziosen zu entdecken. Vor den Spiegelwänden von Isa Genzken kann man sich dann die Haare wieder zu Recht rücken, bevor man sich ganz am Ende auf Spiral Jetty von Robert Smithson einlässt. Da findet sich der Besucher dann auch in einem Ambiente, dass einen unwillkürlich an die neunziger Jahre Berlins erinnert, als die Stadt noch keineswegs zum Mekka der zeitgenössischen Kunst zu werden schien, aber leere Fabrikhallen und leere Häuser eine Zukunft erahnen ließen. Diese Zukunft ist nun tatsächlich auch im Hamburger Bahnhof angekommen. Und diese Woche gibt sich Thomas Demand die Ehre in der Neuen Nationalgalerie. Und jetzt warten wir auf die Messe und das Drumherum...

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