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Die Kunst des Hauses

Heute reden wir von einer kulturellen Einrichtung, die es zu internationalem Ruf gebracht und aus einer höchst prekären Ausgangssituation so ziemlich das beste gemacht hat, das weltweit möglich war. Wir reden von einer Institution, in der vielerlei Einflüsterer, Geldgeber, Wichtignehmer in einer fragilen Balance gehalten wurden, zum Wohle des Ganzen. Wir reden von einem Haus, das bestens geführt war, bis die Obrigkeit kam und das meisterhafte Gebilde mit einem Streich zerschlug. Heute reden wir von München und seinem Haus der Kunst. Die Kunst des Hauses bestand darin, eigentlich immer, jeden Tag von zehn bis zehn nämlich, offen zu sein, mindestens zwei, manchmal auch vier Ausstellungen gleichzeitig anzubieten, sich keinem Thema zu verschließen und Präsentationen an Land zu ziehen, die an einem Forum, das nicht mit den Pfunden eigener Bestände wuchern kann, normalerweise vorbeigehen. Höhepunkt waren vielleicht jene Monate, an denen die klassische Moderne der Barnes Collection und die antike wie barocke Klassik der Sammlung Farnese unter einem Dach logierten. Auf den Weg gebracht wurde der Zauber, als Christoph Vitali, zuvor an der Frankfurter Schirn, das Haus übernahm. Unter seiner Ägide war kein Problem mehr, was bis dato im Mittelpunkt der Diskussion gestanden hatte: Dass man sich nämlich in einem Nazi-Bau befand, der parallel zur berüchtigten \"Entartete Kunst\"- Schau mit einer \"Grossen Deutschen Kunstausstellung\" eröffnet worden war. Vitali und seine Kuratoren Hubertus Gassner und Bernhard Schwenk hatten Vergangenheit und Gegenwart des Hauses jederzeit im Griff. Dann brachte Bayerns Kultusminister Zehetmair seine Absicht unter die Leute, Vitalis Vertrag nicht mehr zu verlängern. Und es passierte das zu Erwartende. Vitali nahm das Angebot an und ging: Ab dem kommenden Jahr leitet er die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel (und wird Markus Brüderlin vor die Nase gesetzt, der damit neben dem Münchner Publikum am meisten Schaden aus der ministeriellen Weisheit zieht). Bernhard Schwenk rückt zwei Strassen weiter und geht an die im Herbst eröffnende Pinakothek der Moderne. Hubertus Gassner schließlich wird neuer Leiter des Folkwang Museums Essen. Ab einer bestimmten Höhe fällt man nur noch auf die Füße. Das ist denn auch die Lehre aus dieser Geschichte: Irgendwann richten sich regierungsamtliche Bescheide gegen sich selbst. Offenbar gilt dies, und es hat etwas Tröstliches, sogar in der Kultur.
Mehr Texte von Rainer Metzger

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