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Cy Twombly - Sensations of the Moment: Der letzte Informelle

George Mathieus Theorie des Informel ist eine der letzten Meistererzählungen der Moderne. In aller Überzeugung von geschichtlicher Logik redet sie von der Zyklizität des Morphologischen. Aus einem Zustand der Formlosigkeit heraus entwickeln die Figurationen Eigensinn, nehmen Gestalt an, wandeln sich zu Sinnbildern von Harmonie und Ausgewogenheit, entwickeln sich weiter, wuchern aus ins Bizarre und Verschrobene, werden manieriert, um schließlich abzusterben und wieder zu versinken im Pool des Unidentifizierbaren. Einen solchen Zustand des Informellen sah Mathieu in seiner Gegenwart, nach Auschwitz und Hiroshima, in aller Deutlichkeit gegeben. Die Theorie des Informel ist der prägnanteste Gegenentwurf zur Fortschrittstrunkenheit des Modernismus mit seinen Ideen der Selbstkritik und der Radikalisierung zum Besseren. Das Informel hat, aller Theatralik von Mathieu zum Trotz, etwas Gründelndes, Innehaltendes, Skeptisches wenn nicht Verzweifeltes, und es ist bis ins Mark europäisch. Dass sein bedeutendster Vertreter Amerikaner ist, passt da nur ins Konzept des Paradoxen. Immerhin lebt Cy Twombly seit einem halben Jahrhundert in der Hauptstadt des alten Kontinents. 1960 kam er nach Rom, an den Schauplatz des „Dolce Vita“ und für ganz kurze Zeit Trendsetting-Zentrum. Twombly ist geblieben, und agiert seither sein Faible für die Antike, ihre Mythen und deren Überleben, ihr Vermächtnis und dessen Renaissancen aus. Vor allem seine Titel handeln von der Ungebrochenheit der Geschichte, rufen „Arcadia“ auf, gemahnen an Raffaels Schule von Athen oder erinnern an Pan, Sappho, Orpheus. Umso gebrochener ist die Geschichte im Visuellen. Twomblys Leinwände und später auch seine Plastiken leben von der Andeutung, der Anmutung, dem Anhauch nur eines Motivs. Was er betreibt auf seinen Oberflächen, hört sich an wie ein Geräusch oder sieht aus wie eine Erscheinung, zart, kaum lebensfähig unter der durchaus massigen Präsenz dessen, was sich in diesen Bildern einer Zuordnung verweigert. Denn dies ist der erste Eindruck: Vielerlei Spuren haben sich hier hinterlassen, von Bleistiften, Ölkreiden und sonstigem Werkzeug, doch sie sind nicht zuordenbar, sind da als Monumente ihrer eigenen Informalität. Derlei Autonomismen sind natürlich typisch für die Weltsprache Abstraktion. Doch hinter all dem Murmeln und Rumoren beginnt man einen Ton aufzufassen, und der klingt klassisch. Man muss genau hinsehen, und eine Welt der Sujets, der Themen und großen Botschaften wird vernehmbar, jenes Archiv der Bedeutungen, für das einst das Wort Ikonografie stand. Twombly tut seit fünfzig Jahren nichts anderes als dieser Ikonografie eine Moderne zu geben. Das Mumok blickt ihm dabei in einer wunderbaren Präsentation über die Schulter. Und das Spätwerk Twomblys überlässt es weise der Sammlung Brandhorst.
Cy Twombly - Sensations of the Moment
04.06 - 26.10.2009

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
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Tel: +43 1 52 500, Fax: +43 1 52 500 13 00
Email: info@mumok.at
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Öffnungszeiten: Täglich: 10.00–18.00 Uhr, Do: 10.00–21.00 Uhr


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