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Die Frühjahrsauktionen in Deutschland: Seitwärts auf hohem Niveau

Als Auguren taugen die deutschen Frühjahrsauktionen nicht unbedingt. An den Börsen spricht man in so einem Fall von Seitwärtstendenz. Durch die Bank waren die einzelnen Versteigerungen nicht so umsatzstark wie im Vorjahr, wobei die Nachfrage nach Spitzenwerken ungebrochen ist, das Mittelfeld jedoch etwas einknickt. Das sieht an den internationalen Handelsplätzen nicht anders aus. Zeitgenössische und Moderne Kunst So hatte Villa Grisebach in Berlin mit seiner hochpreisigen Ware wieder einmal keine Probleme. Mit nur 84 Losen in den Katalogen "Ausgewählte Werke" und "Contemporary Art" erzielte das Haus 15,7 Mio. Euro inklusive Aufgeld. Das Gesamtergebnis aller fünf Kataloge (inklusive Fotografie) beläuft sich auf 23,3 Mio. Euro. Zum teuersten Werk wurde erwartungsgemäß August Mackes Kinder am Hafen, für das ein norddeutscher Sammler die mittlere Taxe von 1,8 Mio. Euro ohne Aufgeld bot. Camille Pissarros "Match de Cricket à Bedford Park" bewies wieder einmal, dass es bei gängiger Ware keine Rolle mehr spielt, an welchem Ort auf der Welt sie angeboten wird. Trotz der niedrigen Taxe von 250.000 Euro musste Londoner Handel den marktüblichen Preis von 1,3 Mio. Euro bezahlen. Max Beckmanns typisches Aquarell "Geschwister" erzielte mit 780.000 Euro das Doppelte der Taxe, die etwa dem Zuschlag am selben Ort vor zwölf Jahren entsprach. Bei Lempertz in Köln lief es hingegen nicht ganz so gut. Immerhin lieferten sich zwei Sammler ein Telefonduell um einen "Reitesel am Strand nach links" von Max Liebermann, den sie störrisch von 40.000 auf 178.000 Euro steigerten. Insgesamt konnte mit rund 60 Prozent eine gute losbezogene Quote erzielt werden, doch selten gab es die sonst üblichen Bietgefechte mit internationaler Beteiligung. So blieben besonders bei der Moderne zumeist Deutsche erfolgreich, denen die Kauflaune offensichtlich noch nicht vergangen ist. Emil Noldes "Abendlandschaft mit Mühle" mit einem glühend orangefarbenen Himmel ließ sich deutscher Handel 320.000 Euro (Taxe 220.000 Euro) kosten. Teurer war eine Papierarbeit Noldes bisher nur in London. Der "Sonnenuntergang mit zwei Seglern" ging für 180.000 Euro (Taxe 130.000 Euro) an einen Sammler. Vor anderthalb Jahren war das Bild an gleicher Stelle mit ähnlicher Taxe noch durchgefallen. Fernand Légers Gouache "Le Village" von 1914 (Taxe 600.000 Euro) ging hingegen leer aus, obwohl das Limit deutlich unter der Taxe lag. Dabei hatte noch ein Jahr zuvor ein vergleichbares Werk am selben Ort 1,05 Mio. Euro eingefahren. Die Zeitgenössische Kunst am nächsten Tag sah insgesamt mehr ausländisches Engagement. Damien Hirsts Spot-Painting "Dicetyl Phosphate" übernahm ein Händler im Saal wohl in deutschem Auftrag für 380.000 Euro, noch unter der etwas hoch gegriffenen Taxe von 400.000 Euro. Die frühen Papierarbeiten Sigmar Polkes aus der Sammlung des ehemaligen Hamburger Akademieleiters Carl Vogel fanden regen Absatz, obwohl die Taxen wegen der internationalen Akquisekonkurrenz recht hoch waren. Beim Lokalrivalen Van Ham haben sich Moderne und zeitgenössische Kunst etabliert und spielten erstmals mehr ein als die – allerdings verschlankte - Alte Kunst. Vier Werke Sigmar Polkes trugen auch hier maßgeblich zum Ergebnis der insgesamt stärker bebotenen Zeitgenossen bei. Ein echtes Glanzlicht setzte das große Schüttbild mit geheimnisvoll blau changierender Interferenzfarbe auf schwarzem Tonpapier, für das ein deutscher Sammler die unerhörte Summe von 220.000 Euro ohne Aufgeld (Taxe 120.000 Euro) bezahlte. So teuer war noch kein vergleichbares Werk Polkes. Zwei weitere Gemälde brachten 80.000 Euro (Taxe 60.000 Euro) und 120.000 Euro (Taxe 85.000 Euro). Ein ähnlich hohes Ergebnis erzielte der bearbeitete Probedruck Freundinnen II aus der 1967 erschienen 25er-Auflage. Mit 95.000 Euro (Taxe 10.000 Euro) bezahlte besagte griechische Sammlung dafür sogar mehr, als 2006 das zugrunde liegende etwas größere Foto in London gekostet hatte. Für Ketterer war es die letzte Auktion im Gartensaal des Prinzregententheaters in München, nach der Sommerpause wird das neu errichtete Domizil an der Messe bezogen. Das Toplos der Veranstaltung aus kunsthistorischer Sicht war Karl Schmidt-Rottluffs Aquarell "Mädchen mit blauem Schal" von 1909, das ein mittlerweile hinlänglich bekannter griechischer Sammler mit einem Gebot über 305.000 Euro (Taxe 150.000 Euro) für sich beanspruchte. Das Blatt ist damit die teuerste Papierarbeit des Künstlers auf einer Auktion. Dabei war es vor einem halben Jahr bei Hauswedell & Nolte in Hamburg mit einer etwas höheren Taxe noch durchgefallen. Den höchsten Zuschlag verantwortete jedoch ein süddeutscher Sammler, der sich für eine "Cariatide" von Amedeo Modigliani begeisterte und gegen deutschen Handel 360.000 Euro (Taxe 120.000 Euro) aufbot. Jonathan Meeses Materialbild "Dr. Lilithyr (General Tanz Sautanz s.v.p.)" für 69.000 Euro (Taxe 55.000 Euro) führte die Zeitgenossen an, gefolgt von Stephan Balkenhols hölzerne "Liegende Frau" zum Preis von 60.000 Euro (Taxe 30.000 Euro). Bei Hauswedell & Nolte in Hamburg war Gabriele Münters Ansicht der Dorfkirche in Riedhausen bei Murnau aus dem Jahr 1908 der Star. Ein privater Saalbieter bemühte sich heftig um den kleinen Karton, musste sich jedoch bei 360.000 Euro (Taxe 250.000 Euro) gegenüber einem rheinischen Telefon geschlagen geben. Norwegische Sammler balgten sich wieder einmal um die Druckgraphiken Edvard Munchs. Zwei von ihnen übernahmen zum Mehrfachen der Schätzpreise die Radierung "Das kranke Kind" (Zuschlag 90.000 Euro/Taxe 30.000 Euro) und die Lithografie "Eifersucht I" (Zuschlag 112.000 Euro/Taxe 40.000 Euro). Die Zeitgenössische Kunst kontne da nicht ganz mithalten. Eine Ausnahme bildete Gerhard Richter. Seine gerakelte Edition Grün-Blau-Rot für die Zeitschrift Parkett brachte mit 100.000 Euro das Doppelte der Taxe und ging zu diesem Preis auch noch in deutschen Handel. Internationalem Niveau angemessen waren die Zuschläge für zwei attraktive Papiergemälde Franz Klines, die für 110.000 Euro (Taxe 100.000 Euro) und 90.000 Euro (Taxe 90.000 Euro) an ein New Yorker Telefon und in den Berliner Handel gingen. In München reüssierte Neumeister mit Gabriele Münters Gemälde "Nach dem Tee II" aus dem Jahr 1912, das zur unteren Taxe von 355.000 Euro an einen Sammler aus Südeuropa ging. Beim Spin-Off Art & Auktionen Scheublein wurde eine südfranzösische Landschaft des russischen Künstlers Alexander Iacovleff das Spitzenlos, das für 90 000 Euro (Taxe 5.000 Euro) von einem Landsmann des Künstlers gekauft wurde. Alte Meister Bei der Alten Kunst hatte Lempertz mit Hans Hoffmanns Nachschöpfung von Albrecht Dürers "Feldhase" die Nase vorn. Die Bremer Galerie Neuse ließ sich das Blatt trotz der umstrittenen Raubkunstprovenienz im Rahmen der Taxe für 580.000 Euro zuschlagen. Den Erlös teilt sich der Einlieferer nach Angeben des Hauses mit der Bremer Kunsthalle, mit der man sich auf diesen Kompromiss geeinigt habe. Isaac Ostades "Bauern vor dem Wirtshaus" 160.000 Euro ebenfalls ihren Schätzpreis. Ein Gerard van Honthorst zugeschriebener "Lautenspieler" konnte seinen Schätzpreis von 10.000 Euro durch den Einsatz des internationalen Handels hingegen verzwölffachen. Bei Van Ham in Köln fehlten dieses Mal die sechsstellig vorbewerteten Werke. Eine Früchtegirlande des Jacob von Walscapelle ererzielte immerhin 125.000 Euro, nachdem sie mit 50.000 Euro arg bescheiden angetreten war. Ein Jagdstillleben des Wille von Aelst stieg von 30.000 Euro auf 100.000 Euro. Beide Gemälde gingen in die Vereinigten Staaten. Bei Karl & Faber in München war das teuerste Los der Sparte ein Buch. Das "Astronomicum Caesareum" von 1540 des Petrus Apianus übernahm ein Schweizer für 180.000 Euro (Taxe 45.000 Euro). Bei Neumeister in München fiel das Hauptlos hingegen durch. Eine als Frühwerk Tilman Riemenschneiders identifizierte Madonna scheiterte an der Taxe von 800.000 bis 1,2 Mio. Euro.

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