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Bernard Buffet: Anything Goes

Der Verfasser dieser Rezension war, die Leser werden sich zur Genüge erinnern, vor einigen Jahren für eine Ausstellung mitverantwortlich, die den Nazarenern gewidmet war. Die These der Schau war durchaus brachial und orthodox postmodern: Wer von den Nazarenern als blutleer und lebensfern redet, sollte von Mondrian oder Malewitsch nicht schweigen. Es war Modernismus-Bashing, beginnend ganz an dessen Anfang. Das Frankfurter Museum Moderner Kunst betreibt jetzt, wie es aussieht, etwas ganz Ähnliches, allerdings setzt sie am Ende an. Bernard Buffet steht auf dem Programm mit seinem ganzen existenzialistischen Theaterdonner, mit der schwarzumränderten Geworfenheit seiner Selbstbildnisse, die ihm offenbar bereits mit süßen Neunzehn durchs Mark ging, und der Gemengelage aus Leiden, Opfer und Ekel, in die verstrickt scheint, wer auch immer die Welt betritt. Sartre, der etwas von Existenzialismus verstand, hat ein solches Faible für den allzu dicken Auftrag „mauvaise foi“ genannt, Unaufrichtigkeit. Das wäre es dann auch, wenn die Schau nicht einige Dokumente der triftigeren Art beibrächte. Unter einem Glassturz liegt, ganz Reliquie, die Ausgabe des „Stern“ vom Januar 1965, das Cover zeigt den „Mann des Jahres“, er heisst Mao, und das von Künstlerhand gestaltete Porträt stammt nicht von Warhol, sondern von Buffet. 1959 bereits hatte ihn „Time“ engagiert, als es um den „Man of the Year“ gegangen war, und 1963 war es der „Spiegel“. All die Herren auf den Umschlägen sehen sehr nach Buffet und wenig nach sich selber aus, so dass sich der Verdacht einstellt, dieser seltsame Konjunkturritter wäre nicht einmal in der Lage gewesen, so etwas wie Ähnlichkeit herzustellen. So etwas habt ihr damals gut gefunden, scheint die Ausstellung mit ganz deutlicher Hinweisgeste zu befinden. Es ist in der Tat kein eklatanterer Beweis als Buffet denkbar, wie nötig es war, diese ganze Modernisterei mit ihren Authentisierungsphrasen und ihrem Ausgesetztheitspathos zu Grabe zu tragen. Braucht man dafür aber ein ganzes Museum? Eine ganze Retrospektive? Einen ganzen Apparat aus Dutzenden von Gemälden? Stellt sich also der Verdacht ein, dass man da in Frankfurt doch an der Aufwertung arbeitet. Doch den Versuch unternimmt, jemanden zurück zu gemeinden, den verlorenen Sohn ans Herz zu schließen in ästhetisch gutwollender Nächstenliebe. Restitution an die Nachwelt. Dann stünde hinter dieser Schau kein postmoderner Anti-Modernismus. Sondern postmodernes Anything Goes.
Bernard Buffet
18.04 - 03.08.2008

MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt
60311 Frankfurt, Domstraße 10
Tel: +49 - 69 - 212 - 304 47, Fax: +49 - 69 - 212 - 378 82
Email: mmk@stadt-frankfurt.de
https://www.mmk.art
Öffnungszeiten: Di 10-17, Mi 10-20, Do-So 10-17 h


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