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Vorauseilendes Eingehen

Madame war eine richtige Märchenprinzessin. Aus bestem Hause stammend, reich und berühmt, umgarnt von den mächtigsten Männern, ließ sie sich herbei, die Provinz zu besuchen. Die Provinz, das war damals ganz Deutschland, wenn man aus Paris kam, doch gab es da eine Verlockung, und die hieß Kultur. Also machte sich die Madame de Stael auf nach Weimar, um Goethe zu besuchen, Schiller und wie die Namen der Heroen sonst noch über den Rhein brandeten. Kaum angekommen im Herbst 1803 ließ die Gnädigste auch gleich ein Billet an Goethe schicken, sie sei jetzt da und erwarte, ihn schleunigst zu sehen. Doch der Geheimrat zierte sich. Vielmehr, er war vor der Dame geflohen, die ihm eine rechte Nervensäge schien, mit ihren vorgefassten Meinungen, ihrem Unwillen, etwas anderes zu sprechen als französisch, das aber in allerrasantester Geschwindigkeit, und ihren nachrevolutionären Manieren. Irgendwann ließ sich ein Zusammentreffen nicht mehr vermeiden, und Madame feierte auf gut deutsch Weihnachten bei Goethes. Die Begegnung verlief zu beider Enttäuschung. Mehr Erfolg hatte Madame de Stael anschließend in Berlin. Der Hof lag ihr zu Füßen, der Diskurs lief perfekt à la francaise, und Zelter, der Komponist, berichtete griesgrämig an seinen Freund Goethe: "Unsere Gelehrten, Künstler und schönen Geister haben sich kaum satt werden können, sich herunterdeutschen zu lassen und auf gut vaterländisch französische Naivitäten zu bewundern." Madames Vorstellungen, wie ein Auftritt gestaltet zu werden pflege, hatten sich durchgesetzt. Nicht, dass der Kunstbetrieb heutzutage etwas mit den Weimarer Zeiten zu tun hätte, doch ein wenig kann man sich hineinversetzen in die damalige Barschheit. Die Madames de Stael kommen jetzt aus den USA, die Konversation verläuft in nicht minder ausschließlichem Englisch und ist derart eingleisig, dass sie durchaus Missionierungsbestrebungen gleicht, die sich dann ums Vegetariertum drehen oder, neuerdings, um die Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe. Die Madame de Stael hatte aus ihrem nervenaufreibenden Besuch immerhin etwas sehr Produktives herausgeschlagen, ein Buch mit dem Titel "de l`Allemagne", das den Dichtern und Denkern aus dem Deutschssprachigen nicht weniger als Weltgeltung verschaffte. Die Amerikaner machen eher nicht soviel aus ihren Besuchen hierzulande, und dass sie es besser wissen, wissen sie schon vorher. Die Hiesigen stehen dabei, lassen sich herunterdeutschen oder -österreichern und bewundern soviel Naivität. Jetzt hat die Frau Aussenminister ja Anstoß genommen am vorauseilenden Eingehen auf amerikanische Zirkelschlüsse. Wenn sie fertig ist mit der BAWAG, kann sie gleich weitermachen beim Kunstbetrieb.

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