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Minimum

Seit langem schon hat das Feuilleton der F.A.Z. seine Brillanz auf den täglich erscheinenden Comic reduziert. Der Rest der Redaktion ist damit beschäftigt, Werbung für die Gedanken und die unmittelbar daraus resultierenden Bücher des Herausgebers zu machen. Vergangenen Freitag hat auch "Strizz", der Held der täglichen zwei Bilderstreifen am Fuß der letzten Kulturseite, den Ball aufgefangen. Strizz will ein "Milliönchen" aufstellen, und da kommt ihm nun die folgende Idee: "Ich schreibe ein Sachbuch! Übers Kinderkriegen! Das Topthema des Jahres!". Rafael, Comic-üblich Strizzs Neffe, fällt dazu nur eines ein: "O Gott, ist der Mann peinlich." Es gehört zur Brillanz von Volker Reiches Bildergeschichte, dass offen bleibt, ob Strizz peinlich ist oder nicht doch Frank Schirrmacher, der fürs Feuilleton zuständige Herausgeber, der sich gerade am Räsonnieren über den demografischen Erhalt einer?, seiner?, unserer? Bevölkerung versucht. "Minimum" heisst das Werk, und verspricht per Untertitel "vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft" zu handeln. Schirrmacher liebt reaktionäre Begriffe. "Gemeinschaft" schreibt er, und er weiß ganz genau, dass das nach aller soziologischen Terminologie das Gegenteil von Gesellschaft ist. Gesellschaften sind dissensfähig. Gemeinschaften brauchen den Konsens, und einen eben solchen sieht Schirrmacher in der Familie. In der Kernfamilie mit ihren perfekten zwei Kindern, damit das Volk nicht ausstirbt. Einer kleinen, intakten Familie, damit die Altersversorgung gesichert ist. Das Glück im Winkel. Diejenigen, die keine Kinder haben, scheinen als Schmarotzer durch. "Ich lasse mir gerne von deinen Kindern die Rente zahlen", sagte mir einmal ein gute Bekannte ganz zurecht. "Vorher aber finanziere ich ihnen das Studium." Es geht nicht um die Quantität an Nachwuchs, sondern um die Qualität seines Fortkommens. Die westlichen Gesellschaften werden viel an die Alten zu zahlen haben: Das können sie am besten, wenn möglichst viele möglichst qualifizierte Arbeit haben. Diese Wahrheit gerät Schirrmacher (und all den Gehrers dieser Welt) in seinem Biologismus nicht ins Visier. Die eine oder andere Zeitung hat Schirrmachers Buch schon rezensiert. Besonders begabt dafür ist der Typ anerkannter Professor, um die sechzig, jung verheiratet mit einer ehemaligen Studentin und glücklicher Gehsteigblockierer mit dem Kinderwagen. Der findet Schirrmachers Ausführungen sehr bemerkenswert. Und der hat zur Peinlichkeit dann auch noch gefehlt.

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