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Schnee

Orte, so kann man sagen, sind eine spezielle Mischung aus Zuständen, Umständen und Abständen. Wer in diesen Tagen draussen war und den Schnee sah, der überall war, kann sich vorstellen, wie eine solche spezielle Mischung auszusehen hat. Kennzeichen des Zustands war seine Neigung zum Superlativ, zu einer Steigerungsform, die das Normale, Alltägliche, im Wortsinn Heimelige weit hinter sich ließ. Der Umstand ergab sich aus dem Wissen um seine Veränderbarkeit in Kombination mit einer psychischen Einstellung zu ihr. Es ging einem nur auf die Nerven. Der Abstand schließlich war schnell erfasst: Alles war viel zu weit weg, selbst wenn es nur darum ging, etwas zu besorgen, was man nicht zu Hause hatte. So war das in den letzten Tagen: Es gab nur einerlei, davon aber zu viel. Oder auf englisch: Too Much of Nothing. Im Kunstbetrieb hat ja das Geschwätz vom Nomadischen immer noch Konjunktur. Da fliegen die Kuratoren um die Welt, kaufen in Bombay einen Hamburger und trinken was hinterher in Los Angeles und glauben, es damit den Steppenvölkern auf dem Weg zu den Wasserlöchern gleichzutun. Ihre Existenz aber gilt den "Nicht-Orten", wie der französische Völkerkundler Marc Augé in seiner Analyse des modernen Weltreisenden und unterwegs Befindlichen schreibt. Nicht-Orte sind das gerade Gegenteil dessen, was sich im Schnee tut. Zwar sind auch Nicht-Orte transitorisch, sind die Flughäfen, Hotels, Verkehrsmittel und Fast-Food-Stationen, ihrerseits geprägt von der Unzuständigkeit von Übergangszonen. Ihre Zeitdimension aber ist die Gedrängtheit. Verschneite Orte dagegen lassen die Zeit sich dehnen. Nicht-Orte sind geprägt von Textualität. Immer gibt es ein Schild, das einem weiterhilft: das sagt, wo es zum Ausgang geht, zur Toilette, zur nächsten Stadt oder ins nächste Stockwerk. An Nicht-Orten gibt es immer ein Da. Es gibt ein Da, aber kein Hier. An verschneiten Orten dagegen steckt man fest: Es gibt ein Hier, aber kein Da. Solche Orte stellen das Prinzip Nicht-Ort buchstäblich auf den Kopf. Augé nennt sie anthropologische Orte. Franz Kafkas Landvermesser fand sich auf dem unendlichen Weg zum "Schloß" an jenem stillgestellten Ort wieder, der sein Schicksal werden würde. "Gelegenheit", so läßt Kafka seinen Helden K. angesichts der verschneiten Einöde denken, "Gelegenheit zu einer kleinen Verzweiflung, wenn ich nur zufällig, nicht absichtlich hier stünde." Was sich in den letzten Tagen tat, war wirklich die Gelegenheit zu einer kleinen Verzweiflung. Zufällig oder absichtlich. Und ganz anthropologisch.

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