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Ulrike Lienbacher - cut: Einblendung

Wie ist der Körper in eine sozial und politisch determinierte Welt eingebettet? Und wie ist das Verhältnis diese Körpers zur umgebenden Dingwelt? Diese Fragen nehmen in Ulrike Lienbachers Oeuvre seit Jahren einen zentralen Stellenwert ein. Ausgehend von einem ursprünglich objektbezogenen skulpturalen Ansatz übersetzte sie diese Fragen im Lauf der Zeit verstärkt in die Medien Zeichnung und Fotografie, wobei der weiblich-androgyne Körper (kaum jedoch das Gesicht) immer deutlicher zur Chiffre für die Auseinandersetzung und Befragung von Identität wurde. Ihre neueste Ausstellungsinstallation nennt Lienbacher "Cut", realisiert in der Thomas K. Lang Gallery der Webster University. In Anspielung auf den filmischen Diskurs apostrophiert Lienbacher mit dem Titel "Cut" das Nebeneinander und Aufeinandertreffen einzelner Arbeiten innerhalb unterschiedlicher Gruppen von Zeichnungen und Fotografien. Damit führt sie eine Methode fort, die sie erstmals vor vier Jahren erprobte, als sie beispielsweise für den Trickfilm "Toilette" minutiös tausende Blätter in einen filmischen Zusammenhang brachte. Das Filmzitat liefert nun eingangs eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, auf die Lienbacher erst im Anschluss mehrere Dutzend Zeichnungen folgen lässt: Entlang der schmalen Korridorwand, die ein größeres - innerhalb des Universitätsbetriebs auch als Lounge fungierendes - Raumquadrat erschließt, reiht sich eine Folge von Bildern, die alle eine junge Frau bei der Toilette zeigen - fotografiert durch den offenen Spalt der Badezimmertüre. Der Fotoblock nimmt nicht nur Bezug auf Reinigung, Toilette, Körperhygiene und Schmutz - allesamt Themen, die Ulrike Lienbacher in ihrer Arbeit seit geraumer Zeit konsequent behandelt. Er bringt darüber hinaus noch einen anderen, bisher eher ausgeblendeten Aspekt ins Spiel: Die Beschäftigung mit dem gesamten Körper, also auch dem Gesicht und dem Kopf. (In früheren Fotoserien hatte Lienbacher ihren Modellen den Kopf durch die Wahl des Bildausschnitts regelrecht abgeschnitten, in ihren Zeichnungen hatte sie ihn weithend auf die Haare und die Frisur reduziert.) Die folgenden, auf den verschiedenen Wänden gebündelten Zeichnungen zitieren dann unterschiedliche Inhalte, die in diesem komplexen Werk immer wieder eine Rolle spielen: Objekte, Formen und Torsi ebenso wie Verführung, Nacktheit, Scham. Und dann, am Ende des Rundgangs, taucht plötzlich wieder ein Gesicht auf. So schleim- und rotzverschmiert wie es ist, ist es gewiss nicht schön, und Porträt ist es gewiss auch keines. Aber darum ist es in Lienbachers Arbeit noch nie gegangen. Entscheidend aber ist, dass sie damit ihre Arbeit ein gutes Stück mehr in Richtung Subjekt öffnet. Damit rückt vor allem eine Frage in den Mittelpunkt: wie wird Lienbacher diesen Ansatz weiterwickeln? Was kommt als nächstes?

Ulrike Lienbacher - cut
02.02 - 31.03.2006

Thomas K. Lang Gallery
1220 Wien, Webster University, Berchtoldgasse 1, 3rd Floor
Tel: +43 1 269 9293-0, Fax: +43 1 269 9293-13
http://www.webster.ac.at
Öffnungszeiten: geschlossen


Ihre Meinung

7 Postings in diesem Forum
nicht o.k.
keine Ahnung | 04.03.2006 04:29 | antworten
dass Freunde über Freunde schreiben, ist allgegenwärtige Praxis, und das nicht nur in Österreich, ist ja auch verständlich. Es kann auch passieren, dass ein Kritiker mal bereits einen Katalogtext für den Künstler verfasst hat. Die Kunstwelt ist nunmal klein. ABER muss wirklich jene Frau, die auch die Eröffnungsrede zur Ausstellung gehalten hat, etwas schreiben, was unter dem Titel "Ausstellungskritik" dem Leser feilgeboten wird? Sorry, ich finde das einfach nicht seriös - und zwar nicht nur, weil die Kritikerin von 2 Seiten für ihre Auseinandersetzung mit der Ausstellung Kohle kassiert.
das stimmt
. | 04.03.2006 05:14 | antworten
wer im auftrag von künstlerin und institution die eröffnungsrede spricht, sollte keine "kritik" schreiben. das ist allzu offensichtlich unkorrekt.
im Zweifel dafür
Werner Rodlauer / Herausgeber | 06.03.2006 04:21 | antworten
Liebe LeserInnen! Die Problematik der Verknüpfung zwischen Eröffnungsreden und Rezensionen war uns bereits vor dem Erscheinen dieses Artikels bewusst und ihre Trennung wird im artmagazine üblicherweise auch streng gehandhabt. In der Abwägung, diese Ausstellung entweder unrezensiert vorübergehen zu lassen, oder der Rezensentin dahingehend zu vertrauen, dass sie trotz der bereits gehaltenen Eröffnungsrede, in ihrem Artikel eine professionelle Distanz zur Künstlerin halten kann, haben wir uns für die Rezension entschieden.
Im Zweifel dagegen!
kunstbetrieb | 07.03.2006 01:30 | antworten
... und meines Wissens sind bisher alle Webster-Ausstellungen, die ich zum Teil wesentlich besser fand, unrezensiert am Artmagazine vorübergegangen. Sollten sich die Künstler also in Zukunft um Artmagazine-Redakteure für ihre Eröffnungsreden kümmern? Da die "Kritik" auch nicht viel von der angesprochenen "professionellen Distanz" zu bieten hat, kann ich nur bitten: Im Zweifel dagegen!
Stellungnahme Ulrike Lienbacher
Ulrike Lienbacher | 08.03.2006 03:24 | antworten
Dass meine Webster University Ausstellung im artmagazine besprochen wird, hat mich gefreut. Der 22. Bezirk ist ja entlegen, da kommen nicht so viele betriebsfremde Besucher hin, wie ich auch von mehreren KollegInnen weiss, die dort vor mir ausgestellt haben. Die dargelegten Einwände gegen die Besprechung sind auch aus meiner Sicht grundsätzlich berechtigt. Was soll also weiter geschehen? Die Redaktion könnte die Besprechung vom Netz nehmen. Eher aber sollte der Text, meine ich, inklusive aller abgegebener und vielleicht noch folgender postings öffentlich sichtbar bleiben, als Beispiel für den Umgang mit möglichen Rollenkonflikten, Naheverhältnissen oder auch Distinktionsbedürfnissen innerhalb der engen österreichischen Kunstwelt. Vielleicht wäre es in dem Zusammenhang auch fair und für die weitere Diskussion förderlich, ab jetzt offen und nicht weiter anonym zu sprechen?
Anonymität
keine Ahnung | 09.03.2006 04:32 | antworten
Sehr geehrte Frau Lienbacher, Ihr Wunsch nach Aufhebung der Anonymität erscheint mir durchaus legitim, aber mein Querulantentum hat mir schon genügend professionelle Kontakte verunmöglicht und ich weiß mittlerweile (so wie bereits in meinem ersten Mail beschrieben), wie klein die Kunstszene ist und wie persönlich Kritik oft genommen wird. Da möchte man es sich nicht mit einer Schreiberin verderben, die man zwar nicht korrekt findet, sie deswegen aber auch nicht gegen sich selbst stimmen möchte. Mich freut es sehr, dass ich eine Diskussion auslösen konnte. Gleichzeitig muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, da dieser Artikel keineswegs eine Ausnahme im Artmagazine darstellt und meine Kritik nicht gegen die Künstlerin gerichtet war. Bei vielen Artikeln vermute ich es halt nur, hier war ich zufällig genau informiert. Auch ich bin froh, wenn befreundete Kritiker über meine Arbeit schreiben, die anderen tun es nämlich eh' so selten, womit ich wieder zurück beim Kern meiner Kritik bin... und vielleicht hätte Frau Hofleitner Ihnen einen größeren Dienst erwiesen, eine andere Kritikerin zur Ausstellung einzuladen, was das Fachpublikum außerdem wieder um zumindest eine Person erweitert hätte, mfg, k.A.
Keine Ahnung?
Werner Rodlauer / Herausgeber | 26.03.2006 02:08 | antworten
Ich denke wir haben unsere Überlegungen, diesen Artikel trotz der bestehenden Problematik zu bringen, dargelegt und ich danke Ulrike Lienbacher für ihren Kommentar der gleichzeitig sehr richtig auf ein grundlegendes Problem hinweist: Das artmagazine führt Diskussionen öffentlich. Teile der Kunstszene verschanzen sich aber nach wie vor hinter Pseudonymen wenn es darum geht in der Öffentlichkeit Anschuldigungen und Gerüchte zu verbreiten. Wenn also die Person die sich in den Kommentaren hinter "keine Ahnung" verbirgt, das artmagazine beschuldigt, dass "dieser Artikel keineswegs eine Ausnahme im Artmagazine darstellt", dann hätte ich mir erwartet, dass sie dies - zumindest nach dem Kommentar von Ulrike Lienbacher - unter ihrem richtigen Namen tut. Vielleicht wäre dann auch die Angst unbegründet, dass man es sich mit einer Schreiberin "verdirbt" - es sei denn, man hat Angst davor, sich selbst öffentlicher Kritik zu stellen.

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