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Wiener Ladenhüter

Es war Frank Lloyd Wright, der als erster ein Gebäude durchsetzte, das so unpraktisch war, dass es schon wieder schön wurde. Wrights Guggenheim Museum, das nichts war als aus dem Lot geratene Ebenen und runde Wände, lieferte den Präzedenzfall dessen, was man dann so schön "Signature Building" nannte. Der Bau sah vor allem nach etwas aus, und genau das brauchte man für den großen Auftritt in der großen Stadt. Guggenheim blieb beim einmal erbrachten Styling. In Bilbao eroberte das Prinzip der Aufgetakeltheit dann auch die Provinz, und seither ist Frank Gehrys expressiv auffrisierte Pomeranze massenmedial herumgereicht und millionenfach begafft worden. Dekonstruktivismus sieht ja immer so aus, als seien beim Spielen ein paar Bauklötze übriggeblieben, die man dann mit dem Kleber noch irgendwo dranheftete. Jedenfalls ist der Dekonstruktivismus ein, wie man das heute nennt, Hingucker. Im Moment schauen sie gerade in München ganz heftig hin. Die ehrwürdige Akademie der bildenden Künste ist mit ihrem Neorenaissance-Bau, der aussieht, als käme er von der Ringstraße, aus allen Nähten geplatzt. Erweitert ist sie worden, die Künstlerschmiede, und dieser Bau kommt nun tatsächlich aus Wien. Coop Himmelb(l)au haben ihn ersonnen, hingestellt und letzte Woche eröffnet, und alle sind sie nun unglücklich. Die Süddeutsche Zeitung alliterierte "Die Gesten von gestern", die F.A.Z. reimte "Coop Himmelb(l)au wird matt und grau". Dass die schiefen Wände und irgendwie in den Boden gepieksten Pfeiler nicht unbedingt gefallen müssen, ist klar. Doch man schießt sich auf eine Wahrnehmung ein, die offenbar gerade dieses Neue Bauen besonders affiziert: Der Dekonstruktivismus ist in die Jahre gekommen. Die Spektakelmaschine wird zum Ladenhüter. Der Dekonstruktivismus ist in die Jahre gekommen, die Sensationen, die er einst garantierte, haben Speck angesetzt. Georg Franck hat soeben die Fortsetzung seiner "Ökonomie der Aufmerksamkeit" publiziert, und hier, in seinem neuen Werk zum "Mentalen Kapitalismus", nimmt er seinerseits die Attitüden von Gehry - Coop - Hadid - Eisenman aufs Korn. Doch Franck hat auch ein respektables Wort übrig: "Pünktlich zum Ende des Jahrhunderts", so der Theoretiker der Attraktivität, "war es um den Effekt der Überraschung geschehen. Immerhin hatte sich die Tendenz aber 20 Jahre gehalten: eine bemerkenswerte Frist für einen Stil, der so ganz auf den Neuigkeits- und Überraschungswert setzte." Eine bemerkenswerte Frist: Zwei Jahrzehnte sind aber nun wirklich genug.

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