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Almut Linde - Still Alive: Prekäre Poesie

Weiße Luftballons liegen da im Galerieraum, beinahe noch schwebend, auf dem Boden und verzaubern die Atmosphäre des nun nicht mehr so sterilen White Cube spielerisch. Doch der Blick auf den „Beipackzettel“ zur Ausstellung verrät: Diese Ballons der Installation „Dirty Minimal # 119.1 - Breath“, 2022, von Almut Linde wurden aufgeblasen „mit dem Atem von Menschen in prekären Lebenssituationen“ (Pressetext), von Menschen die in „Billigjobs“ arbeiten zum Beispiel. Ganz konkret also ist diese fragile Installation - immer wieder platzen einzelne Ballons lautstark - aufgeladen mit sozialer Ungerechtigkeit. Die scheinbare poetische Schönheit aber ist hier gleichsam kontaminiert.

Die ebenfalls in der Ausstellung zu sehende Arbeitsgruppe „Dirty Minimal # 118.1 - Still Alive (Street Diary)“, 2022, ist in Kooperation mit Obdachlosen entstanden. Handschriftliche Notizen sind da zu sehen, versehen mit einem Datumsstempel und hinter Glas, weiß gerahmt. Als so etwas wie Tagebuchnotizen können sie gelesen werden und selbstverständlich macht das neugierig, stehen Tagebücher im Kulturbetrieb doch dafür ein, dass man dem Künstler, der Künstlerin „über die Schulter schauen“ darf, dass man Authentisches, ja vielleicht sogar Intimes erfährt. Die Notizen hier aber sind zwar authentisch, doch alles andere als für den Leser „erbaulich“. Vielmehr erfährt man etwas über den trostlosen Alltag der Obdachlosen. „Gestern morgen bin ich aufgewacht und hatte keinen Cent“, steht da geschrieben, „Hatte Probleme mit meiner Notübernachtungsstätte wegen Lautstärke und Hygiene“ und „Für mich ist der Staat nur noch für die oberen 10000 da“. Aber auch Hoffnungsvolles ist zuweilen notiert: „wichtig ist dass Gott bei mir ist“ oder „Frieden und Freiheit für Alle“.

In der Loggia der Galerie PSM ist abschließend die Werkreihe „Direkt Minimal #45.8.3 - Night Drive Still/Streetwalkers“, 2007/2016, von Almut Linde präsentiert, die ebenfalls eine sogenannte „Randgruppe“ der Gesellschaft in den Fokus rückt. Auch hier stehen vermeintliche Poesie und ihr „dreckiger“ Produktionsprozess in einer prekären Spannung. Die schemenhaften Fotos dieser Werkreihe nämlich erinnern zunächst durchaus an Lichtexperimente der abstrakten Photographie, zum Beispiel an solche von Lázló Maholoy-Nagy, stellen sich dann aber als Aufnahmen heraus, die aus einem fahrenden Auto heraus gemacht wurden, und zwar an einem Kinder-Straßenstrich an der deutsch/tschechischen Grenze - Schönheit „die einem im Auge stecken bleibt“.

Almut Linde - Still Alive
11.11.2022 - 07.01.2023

PSM Gallery
10785 Berlin, Schöneberger Ufer 61
Tel: +49 30 75524626, Fax: +49 30 75524625
Email: office@psm-gallery.com
http://www.psm-gallery.com
Öffnungszeiten: Di-Sa 12-18h


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