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Abschied von Otto Breicha

Otto Breicha ist tot. Er wurde nur 71 Jahre alt. Literatur, Musik und bildende Kunst bestimmten sein Leben, ob als Mitarbeiter der Gesellschaft für Literatur, oder als Herausgeber (mit Gerhard Fritsch) der "Protokolle", als Kulturkritiker im Kurier, als Herausgeber von Werken über die Wiener Kunstszene der Jahrhundertwende, oder über Literatur, bildende Kunst und Musik nach 1945, als Autor von zahllosen Texten zu Monografien und Katalogen von Künstlerinnern und Künstlern, ob als Ausstellungsmacher in Graz (Kulturhaus 1972 - 2000), Wien (Museum des 20. Jahrhunderts, Secession, Nächst St. Stephan, Würthle) und Salzburg (Rupertinum, dessen erster Direktor er von 1983 - 1997 war), oder als Sammler - privat für seine eigene beträchtliche Sammlung, oder öffentlich für das Rupertinum. Er war rastlos und vielseitig, offen, neugierig, gebildet, und mutig, er stellte sich gegen den Strom eines Zeitgeistes, der ihm nichts bedeutete, obwohl er oftmals der Erste war, der eine künstlerische oder geistige Änderung erkannte. (Er war beispielsweise der erste österreichische Museumsdirektor der Fotografie sammelte). In einer immer schnelleren und lauteren Zeit, in der Event und Kunstmanagement, Installation und Kuratorentum die Szene bestimmen, werden die stillen Töne nicht mehr gehört, im Gegenteil, es ist einem lästig, wenn man daran erinnert wird, dass Geist die Stille braucht, und die Form nur entsteht, wenn man ihr Raum gibt zum Wachsen und Gedeihen. Den Gedanken Zeit lassen, die Erkenntnis wirken, und die Form sich runden lassen. Otto Breicha ist tot. Aber seine Worte leben, seine Texte zu und über Kunst kann man nachlesen, seine fotografischen Portraits ansehen und plötzlich versteht man den Unterschied in seinem Schreiben, das immer auch Literatur war, und den vielen belanglosen oder hochgestochenen Kunsttexten, erkennt man den Unterschied zwischen seinen Fotos und jenen so mancher Fotografen, die sich heute Künstler nennen. Aber wer wird ihm gerecht in einer ungerechten Zeit? Wer erkennt, welche Persönlichkeit hier gewirkt hat, welche Bedeutung sein Tempo, welche Tiefe seine Gedanken, welche Schönheit seine Worte hatten? Er sei zynisch gewesen, sagen manche. Ja, sage ich, aus Trauer, aus Melancholie über den Verlust. Er sei einsam gewesen. Aber wer, in dieser Zeit ist nicht einsam? Kritisch sei er gewesen, auch das stimmt, aber er war kritisch aus Sorge um die Qualität. Aber trotz aller Trauer, die ihn zunehmend umgab, behielt er seinen Humor, jene Eigenschaft, die nur aus dem Herzen einen grossen Menschen kommt und die so selten geworden ist. Und er war ein Freund, der die Treue hielt. Den Künstlern vor allem, denen er oft genug die Kraft gab anzufangen oder weiterzumachen, er machte ihnen Mut und gab ihnen auch so manchen Auftrag. Er kaufte ihre Bilder, hörte ihre Musik und las ihre Texte. Er gab seine geistige, schöpferische Unruhe an diese Freunde weiter - "wer braucht es, dass er sich ausruhen muss, wenn es ihn doch fortreissen kann?", schreibt Elfriede Jelinek in ihrem Nachruf. So war Otto Breicha, es riess ihn immer wieder fort und damit riss er andere mit. Österreichs geistige Landschaft ist ärmer geworden durch seinen Tod.

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