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Jojo Gronostay - Recreation: Der Ball ist rund und die Tore lauern überall

Fußball, seine völkerverbindende Wirkung, der Kulturaustausch, seine Möglichkeiten für sozialen Aufstieg aus der Armut, die Kapitalisierung von Spielern sind künstlerische Aspekte der Arbeiten des deutsch-ghanaischen Künstlers Jojo Gronostay, der derzeit in der Galerie Hubert Winter seine jüngsten Arbeiten zeigt. Gronostay, 1987 in Berlin mit ghanaischen Wurzeln geboren, wuchs in Hamburg auf und studierte an der Akademie für Bildende Künste in Wien und an der École des Beaux-Art in Paris. Im Herbst 2021 erhielt er den Modepreis der Stadt Wien. Seine Arbeiten bewegen sich auch an der Schnittstelle von Mode und Kunst, was im Laufe der Ausstellung sichtbar wird.

In der Mitte der Galerie ist ein abgedunkelter Kinoraum abgetrennt, in dem das 2-Kanal Video (RE-)CREATION von 2021 gezeigt wird. In der Dämmerung spielen in der Hauptstadt von Ghana – Accra - einheimische Jugendliche auf einer Brachlandschaft Fußball. Es ist die Freude am Kicken, die die Halbwüchsigen miteinander verbindet. Es entsteht eine Choreographie des Spieles, eine sanfte Dramatik vor dem Hintergrund des Meeresrauschens. Die Jugendlichen spielen auf einer Fläche, die in Zukunft von Investoren gestaltet werden soll. Im Hintergrund der Aufnahmen ist oftmals der „Independence-Arch“ von 1957 zu sehen, der anlässlich der Unabhängigkeit von Ghana errichtet wurde und ein Beispiel für brutalistische Architektur ist. Die Spieler wiegen sich ähnlich wie die Wellen hin und her, die Beleuchtung des Zweikanal-Videos folgt dieser Bewegung.

Die Jugendlichen tragen gebrauchte Trikots von Mannschaften aus Industriestaaten, die Gronostay mit Aufdrucken verändert und individualisiert hat. Im vorderen Teil der Galerie stehen niedrige Vitrinen mit Kleidungsstücken, die alle das Label DWMC tragen. Die Abkürzung steht für „Dead White Mens Clothes“ und entstammt der ghanaischen Redewendung „Obroni Wawu“.
Seit den 1970er Jahren gibt es in Accra ein riesiges Katamanto genanntes Marktgebiet, auf dem ausrangierte und zum Teil gespendete Kleidung aus Europa, Nordamerika und Australien recycelt wird. Der Bevölkerung erscheint die Kleidung so hochwertig und kaum getragen, sodass sie meinen, dass sie von Verstorbenen stammen müsse. Gronostay schuf mit dem Label DWMC eine Art Intervention in diese Warenströme und -kreisläufe.

Mit der Thematisierung des Fußballs beschreibt er auch die Hoffnungen der Armen nach sozio-ökonomischen Aufstieg und wenn sie erfolgreich sind, die Kapitalisierung von Menschenströmen und die Entstehung eines menschlichen Warencharakters.

Im hinteren Raum der Galerie Hubert Winter hängen großformatige Drucke die auf den ersten Blick brutalistische Betonstelen zeigen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um Fotos von abgebrochen Stöckeln von Damenschuhen die Gronostay auf eben jenem Kleidermarkt Kantamanto in Accra gefunden hat. Die extreme Vergrößerung ist ein vergleichender, verfremdender Kunstgriff dessen sich Gronostay hier bedient.

Jojo Gronostay, der sich an den Schnittstellen von Konsum und Individualität zwischen Afrika und der industrialisierten Welt bewegt, ist seine erste österreichische Präsentation bei Hubert Winter gut gelungen.

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Die Headline ist der Titel eines Buches des uruguayischen Autors Eduardo Galeano.

Mehr Texte von Susanne Rohringer

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Jojo Gronostay - Recreation
14.01 - 05.03.2022

Galerie Hubert Winter
1070 Wien, Breite Gasse 17
Tel: +43 1 524 09 76, Fax: +43 1 524 09 76 9
Email: office@galeriewinter.at
http://www.galeriewinter.at
Öffnungszeiten: Di-Fr: 11-18h
Sa 11-14h


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